Ich arbeite ja auch als Foodbloggerin. Im Zuge dessen bin ich irgendwann in diversen Datenbanken diverser Agenturen gelandet und werde mit Pressematerial und der Bitte um Berichterstattung versorgt. So weit – so normal.

Heute landete eine Mail in meinem Postfach, die ich interessiert las. Eine Berliner Stiftung, die 2011 gegründete wurde, sich „Female Leadership“ auf die Fahne geschrieben hat und viele tolle und spannende prominente Frauen auflistet, plant im Vorfeld des Frauentages ein Event, um Geld für ein cooles Refugee-Projekt für Frauen und deren Kinder in Berlin zu sammeln. Unterkoffeiniert scrolle ich mit einem übernächtigten Auge durch das PDF, nicke erfreut als ich über die Ziele lese (weltweite Projekte im Bereich Bildung, Gesundheit und Schutz von Mädchen und Frauen, Hilfe zur Selbsthilfe, 100% Spendenweitergabe),  und pfeife mental durch die Zähne, als ich beeindruckt die Namen der Promifrauen lese – eine Melange aus 10 Publizistinnen, Künstlerinnen, Moderatorinnen, Motorsportlerinnen, (Ex-)Chefinnen von Softwareunternehmen,  Models und Unternehmerinnen, die am 4.3. in Berlin zusammenkommen sollen, um unter der Schirmherrschaft der Schweiz Rösti zu braten.

Wait… um bitte was?! Ich springe hektisch zum Anfang des Pressetextes zurück. Kochen? Für den Weltfrauentag? Nee.. kannnjanichsein, also das würde doch niemand…! Da muss ich mich doch verlese…- Mein Blick saugt sich am ersten Absatz fest: „Anlässlich des Weltfrauentages am 08.03.2016 kochen zehn prominente Frauen unter Schirmherrschaft der Schweizer Botschaft die Schweizer Kartoffelspezialität…“ Urgs.. kein Scherz. Nicht verlesen. Die meinen das tatsächlich im Ernst.

Weib! Zurück an den Herd!

Die Idee für dieses Projekt Geld zu sammeln ist ja schön, die – mir bis dato gänzlich unbekannte – Stiftung und deren Sinn ist wunderbar. Aber das Mittel zum Zweck? Rösti-Braten anlässlich des Frauentages? Was steht denn da für eine Aussage dahinter? Was wird damit wieder für unsere Gesellschaft inhaltlich alles mitgesendet? „Frauen* zurück an den Herd!“? Warum nicht gleich: „Putzen für den Weltfrieden“? Oder direkt ein „Stepford Wives-Contest“? Und dann noch mit 3 Männern zur Bewertung in der 9köpfigen Jury. Wie schrieb mir eine andere Foodbloggerin heute mit bitterem Unterton dazu auf Twitter: „Es geht doch nichts über die natürliche Ordnung.“ (Dass ich nur 2 Woman of Color insgesamt ausmachen kann, steht dann auch nochmal auf einem anderen Blatt…)

Frauen haben es in dieser Welt scheiße schwer. Und dann findet diese Stiftung, die für Geschlechtergerechtigkeit eintritt, tatsächlich 10 herausragende Frauen, die in ihrem Gebiet brillieren. Und macht was? Steckt sie in Schürzen und stellt sie an die Bratpfanne. Um Kartoffelspezialitäten zu brutzeln. Und das, um den Tag zu begehen, der für Gleichberechtigung, Emanzipation und die Rechte der Frauen steht. Frauen, die sich seit Ewigkeiten prekär für ihre Familien totputzen und -kochen. Das ist so dermaßen absurd, so kleinmachend und reduzierend, dass man es kaum fassen kann und das Begreifen nur langsam durch die Großhirnrinde sickert. Das hätte sich kein erzkonservativer misogyner Komiker zum Thema „Rolle der Frau“ und „die drei K“ besser ausdenken können. Clara Zetkin rotiert wahrscheinlich gerade in ihrem Grab.

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Kochen, Backen, Braten, Dinge geradezu magisch in göttliches Essen zu verwandeln.  Es ist Teil meines Berufes, aber „Female Leadership“ zum Frauentag (!) dazu zu bringen sich an den Herd zu stellen, läuft irgendwie am Sinn dieses Tages elementar vorbei, reproduziert die gängigen Rollenklischees – aus denen wir ja gerade noch versuchen zu entkommen – und ist aus feministischer Sicht mehr als nur etwas verstörend. Gut gemein ist halt manchmal die kleine Schwester von Scheiße. Schade drum. Sehr, sehr, sehr. :/

Mehr zu diesem Event findet sich auf der Webseite von Astraia, auf Twitter und in ihrem FB-Profil.

 
März 2nd, 2016 Berlin speziell, Menschen | No Comments
 
 

Ich kann meine Gefühle in den letzten Jahren/Monaten/Wochen nicht wirklich in Worte fassen. Seit Jahren rede ich mir den Mund fusselig über Alltagsrassismus und werde milde belächelt. Da naht nix mehr. Es ist direkt zwischen uns.

Wenn ich als Kind von den Verbrechen der Nazizeit gelesen habe und von jüdischen Mitbürgern, die da blieben, habe ich es nie verstanden. Warum sind die denn nicht einfach gegangen? Geflohen? Weil sie nicht konnten. Weil niemand sie wollte. Weil sie fassungslos waren, dass ihre eigenen Mitbürger, ihre Nachbarn so sein konnten. Weil das ja hier auch ihr Land, ihr Leben, ihre Häuser, ihre Arbeit, Familien und Freunde waren. Unglauben. Fassungslosigkeit. Entsetzen. Und es ist gerade mal 75 Jahre her. Müssen wir da wirklich schon wieder auf Repeat gehen? Lernt der Mensch nie, nie, niemals aus seiner Geschichte? Mir nimmt es die Luft zum Atmen. Ja, der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Auch wenn ihr weg schaut.

 
Februar 26th, 2016 (Alltags-)Rassismus, Menschen, Politisch | No Comments
 
 

Ich hatte ja letztens eine Mail an die Maus geschrieben. Ende letzter Woche kam die Antwort, eine Standardmail, die nicht nur ich  bekam und die so auch schon mehrfach im Netz zu finden ist. Da ich um eine Genehmigung zur Veröffentlichung hier  bat, komme ich jetzt erst dazu sie hier einzusetzen.

„Liebe Shermin,

nochmals vielen Dank für deine E-Mail und die Anmerkungen zu unserer Abmoderation zur Sendung mit der Maus am 12.01.2014.

Wir können deinen Unmut über den Zusammenhang zwischen Autismus und einer möglichen Lese- und Rechenschwäche, den wir fälschlicherweise hergestellt haben, verstehen und bedauern sehr, dass durch unsere Formulierung der Eindruck entstanden sein könnte, das Menschen mit Autismus grundsätzlich nicht gut oder gerne lesen oder rechnen können. Das war keineswegs unsere Absicht!

Tatsächlich lag unser Fokus bei unser Moderation nicht darauf, Autismus zu beschreiben, sondern den Mausfan Clemens, der die tollen Mützen gehäkelt und uns zum Geschenk gemacht hatte, mit seinen ganz individuellen Schwächen, vor allem jedoch mit seinen Stärken, vorzustellen. In seinem konkreten Fall hatte uns die Mutter geschrieben, dass Clemens für Lesen etc. nicht zu begeistern ist. Darauf hatte sich Malin bezogen, was in ihrer Moderation leider nicht deutlich wurde.

Schon einige Male haben wir uns im Rahmen von Sachgeschichten mit Behinderungen oder Einschränkungen beschäftigt, mit denen einige unserer Mausfans leben. So haben wir die Geschichte der herzkranken Katharina erzählt, den Alltag von Mausfans gezeigt, die blind oder gehörlos sind, den mehrfach behinderten Sascha besucht, Laura vorgestellt, die lernt, mit ihrer Diabetes umzugehen oder uns mit dem Thema „Zöliakie“ beschäftigt.

Gerne nehmen wir dein Schreiben zum Anlass, darüber nachzudenken, im Rahmen einer Sachgeschichte auch noch einmal damit zu beschäftigen, wie Kinder mit Autismus leben.

Wir danken dir für diese Anregung und die aufmerksame und engagierte Begleitung unserer Sendung und wünschen dir für die Zukunft wieder gute Unterhaltung bei den Lach- und Sachgeschichten in der Sendung mit der Maus!

Viele Grüße aus Köln,

das Mausteam“

 

 
Januar 21st, 2014 Diskriminierung | No Comments
 
 

Liebe Maus!

Ich bin 34 Jahre alt und gucke Dich schon, seit ich ein kleines Mädchen war. Auch heute noch nehme ich mir gerne sonntags die Zeit und lerne bei Dir neue spannende Dinge.
Du bringst wöchentlich vielen Kindern – den Erwachsenen von morgen – tolle Sachen bei und gibst ihnen Einblicke (und regst damit Gedankenwelten an), die sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten.
Heute habe ich allerdings zum ersten Mal etwas bei Dir gesehen, was mich ehrlich entsetzt hat. Im Nachklapp zur Sendung wurden Mützen vorgestellt, die ein Junge namens Clemens gefertigt hatte.

Ja, Du musst viel vereinfachen, Informationen selektieren und Informationen in bekömmliche Häppchen schneiden, damit die Kinder sie problemlos aufnehmen können. Das ist eine große Verantwortung.

Aber ernsthaft: „Clemens ist Autist. Das heißt, er hat es nicht so mit Lesen und Schreiben.“ Das ist das, was Du und dein Team zu dieser nicht gerade sehr seltenen Behinderung in die Köpfe von Kindern pflanzt? Dieser simple Satz sagt im Grunde – undifferenziert interpretiert, da für die meisten Kinder Lesen-und-Schreiben-lernen ja die Norm ist – aus: „Alle Autisten sind dumm.“ Und mit diesem Samen, den Du in die Kinderköpfe legst, wachsen sie heran. Er wird Wurzeln schlagen, sich verzweigen und Früchte tragen. Nicht bei allen, aber sicherlich bei vielen. Denn die Maus, das ist ja eine Institution. Eine „gute“ Sendung, eine die die Wahrheit sagt, der man vertrauen kann.

Gerade mit der noch relativ nahen Vergangenheit und Gegenwart, dass viele Menschen mit Behinderungen für debil gehalten wurden und noch werden, finde ich diese Reduzierung stark problematisch.

Und nein, ich habe keinen Autismus, auch kein Familienmitglied, das Autist*in ist und ich bin sicherlich auch nicht perfekt und mache Fehler im Umgang mit anderen Menschen. Dennoch hat mich dieser Satz und die damit einhergehende, fehlende „Awareness“ für so ein sensibles Thema regelrecht fassungslos gemacht.

Auf der Seite von Autimus Deutschland e.V. findest Du viele Informationen zu den Symptomen des Autismus. Schnell zugängliche und ausführliche Infos, die sicherlich alle besser gewesen wären als „Kann nicht lesen und schreiben.“

Über ein Feedback und – noch besser – eine Richtigstellung würde sicherlich nicht nur ich mich freuen.

Liebe Grüße

Shermin

(Diese Mail habe ich eben an die Maus unter maus@wdr.de geschickt. Vielleicht möchtet ihr ja auch etwas dazu sagen, gerne könnt ihr die Mail auch als Vorlage nutzen. Nachdem ich mir vorhin bei  Twitter kurz Luft gemacht hatte, durfte ich ja erfreulicherweise feststellen, dass wir nicht die einzigen waren, denen das übel aufstieß.)

Edit 13.01.: Begrifflichkeit verändert, siehe Kommentare.

 
Januar 12th, 2014 Diskriminierung, Menschen | 5 Comments
 
 

Meine freundliche Filterbubble hat in letzter Zeit immer mehr Einschläge zu verzeichnen. Leise frage ich mich, ob es wirklich mehr ist oder  ich schlicht sensibilisierter bin. Ich weiß es nicht und hoffe schlicht auf Letzteres.

Das fing für mich mit dem netten Alltagsrassismuskörbchen im letzten Januar an, ging weiter mit harmlos erscheinenden Sätzen, die man zum Beispiel bei Facebook liest („Ich hab ja nichts gegen Ausländer… aber!“, „Ich bin ja selbst Ausländerin – deswegen darf ich sowas sagen!“, „Die Asylbewerber sind einfach auch auf dem Platz, wo ich sein will. Dazu haben die kein Recht!“), wurde begleitet von den üblichen Sprüchen bei Realbegegnungen („Oh, da hatte ich aber jetzt jemand mit dunklerer Haut erwartet!“, „Sie sprechen aber gut Deutsch!“)  und wurde zuletzt damit gekrönt, dass ich mich in einer Gruppe von Frauen wiederfand, die sich gegenseitig in ihrem Alltagsrassismus bestärkten und Argumente relativierten. Derailing wie aus dem Lehrbuch.

Passiert in einem Kurs, in dem ich mich seit einem Jahr befinde und wo mich sehr wohl und sicher fühle. Alle Anwesenden weiblich, das Gros Ende 20 bis Mitte 30 und mit akademischer Bildung. Jede Einzelne würde sich wohl niemals als Rechte bezeichnen und sich eher dagegen empören.
Aber genau dort darf ich mir von einer privilegierten, weißen, blonden Frau genervt erklären lassen, dass sie das N-Wort als voll okay empfindet. Weil sie meint es ja nicht „so“.
Scheiß drauf, wie es anderen Menschen damit geht, wenn man sie mit einem abwertenden Begriff zusammenfasst, der vor kolonialer Vielschichtigkeit geradezu trieft. Ich ertrage es nicht, dabei den Mund zu halten. Vielleicht wäre das weiser für mich. Doch diese Art von Weisheit hatte ich schon in der Grundschule nicht, als ich eine Freundin gegen dummrassistische Sprüche zu verteidigen versuchte. Die über 25 Jahre dazwischen haben das scheinbar nicht geändert.
Ich stehe alleine da. Versuche zu erklären, dass „es“ eben nicht okay ist. Eine Freundin versucht halbherzig zu vermitteln. Der Rest schweigt (und billigt damit stumm) oder ist sich offen einig:  Solche Diskurse sind im Grunde übertrieben. Unnötig. Genau wie dieser Feminismus und dieses nervige angehängte „in“. Man solle seine Kräfte doch lieber auf echte Sachen konzentrieren und wirklich was verändern.
Ich versuche zu argumentieren, krampfhaft ruhig zu bleiben, während ich merke, dass sich meine Stimme hebt.
Irgendwann verstumme ich. Presse die Lippen aufeinander. Weil… entweder schreie ich gleich mein Entsetzen heraus oder ich weine. Beides will ich nicht. Keine Blößen zeigen. Nicht früher fliehen. Nicht die Kehle darbieten. Ich harre aus. Bleibe auf meinem Platz. Als die Zeit um ist, packe ich meine Sachen zusammen und gehe. Mein Gesicht, meine Arme und Beine wollen mir nicht so recht gehorchen. Erst Daheim fühle ich mich sicherer.

Und ich stelle erneut für mich fest: Der Rassismus hat wieder seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft bekommen. Oder besser gesagt: Er war schon immer da, ist aber jetzt endlich wieder salonfähig geworden. Mein untertänigster Dank an Sarrazin, PI und andere intellektuelle nationalkonservative  Gruppierungen.

Es ist beklemmend und bedrohlich. Gerade, dass es aus der gebildeten, denkenden Ecke kommt, macht es für mich schlimmer. Ich kann es nicht einfach als simple Dummheit der bildzeitungslesenden Masse abtun. Atem-beraubend. Atem raubend. Wie ein Alb, der einem nicht nur auf, sondern in der Brust hockt, seine Arme um die Lungen und die Seele schließt und zu drückt.  So fühlt frau sich dabei. Der Gedanke: Flucht. Aber wohin? Auf einen anderen Planeten? Mehr oder weniger gedankenloser Rassismus existiert in jedem Land. Ich kann und will vor meiner Heimat nicht die Augen schließen und sie damit verdammen, dass ich sie solchem Gedankengut ohne jegliche Gegenwehr überlasse.

Geschrieben in der Hoffnung, dass ich hier auch in  Zukunft mein  Zuhause habe. Und mit großem Dank an die Menschen – quer durchs Netz -, die mich an diesem Abend aufgefangen und damit Fassungslosigkeit und Betäubung abgefedert haben.

 
Oktober 7th, 2013 (Alltags-)Rassismus, Alltag, Menschen, Monster - Mumien - Mutationen | 2 Comments
 
 

Mein Name ist Mounira. Ich bin 67 Jahre alt.
Meine Heimat ist … war Syrien. Aber das Land, das ich kannte, gibt es wohl bald nicht mehr.
Seit einigen Monaten bin ich in Deutschland. Mein Sohn und meine Tochter leben seit Jahren hier. Ich habe wohl Glück hier zu sein. In Sicherheit. Mit eigener Wohnung. Staatlicher Unterstützung. Verfügbaren Ärzten. Hilfe, wenn ich darum bitte.
Anderen geht es nicht so gut. Sie haben kein Geld und können deswegen nicht fliehen und sich retten. Oder sie leben wie Vieh in Flüchtlingslagern.
Manche sind zwanghaft optimistisch – was bleibt auch anderes. Einige sagen auch, dass wir Baschar al-Azad noch auf Jahre hin am Hals haben. Wieder andere bleiben freiwillig in Syrien und helfen – zum Beispiel traumatisierten Kindern.

Syrien – das ist derzeit Angst, Tod, Hunger – und natürlich Verdrängung und Weiterleben. Was bleibt den Menschen denn sonst?
Worauf ich hoffe?
Ich WILL, ich KANN die Hoffnung nicht fallen lassen, dass ich irgendwann zurück in meine Heimat kann. Nicht für immer. Nur für einige Zeit. Um Abschied nehmen zu können. Um zu trauern. Ohne Zwang. Mit Zeit. Um mich von liebgewonnenen Dingen und meinem bisherigen Leben trennen zu können. Vielleicht, um ein Stück von Früher aus meinem Haus zu holen. Und vor allem, um Freunde und Familie wiederzufinden.

So komisch es klingt, aber die Flut in Deutschland gibt mir gerade Trost. So viele Menschen, die von heute auf morgen alles verlieren – und das ganz ohne Krieg. Der plötzliche Abschied kann immer und überall geschehen und das Leben wird letztendlich dennoch immer gewinnen.

(Mounira existiert nicht. Sie ist eine fiktive Person, ihre Gedanken und Empfindungen sind aber real. Der Text entstand nach Gesprächen mit in Deutschland lebenden Menschen, deren Lebensmittelpunkt vorher in Syrien/Damaskus war.)

 
September 10th, 2013 Kunst!, Menschen, Politisch | No Comments
 
 

Ja. Werbung. Fast könnte man aus dem wiederholten Aufgreifen dieses Themas schließen, dass ich mein Leben damit verbringe, vor der Glotze zu hängen, Hartz IV-TV langsam in meine äußere Hirnrinde tropfen zu lassen und sabbernd die Wand anzustarren. (Was defintiv nicht der Fall ist. Ähem.)

Aber es ist doch auch so ein herrlich reichhaltiges und wahnsinnig breites Feld, nicht umsonst gibt es in der Berlin-Kolumne extra eine eigene Kategorie dafür. Ich könnte schon wieder einen halben Roman über die klischeehaften und mit frauenverachtenden Sexismen zugepflasterten Werbeblöcke tippen, die da alltäglich in die deutschen Denkapparate gefüttert werden. (Ja, ja, ich weiß – das mit dem Denken ist ja so eine Sache, die nicht jedem liegt. Ich bin einfach ein zu positiver Mensch… ;-))

Nicht, dass ich nicht selbst ein großes Stück weit bekennende Sexistin wäre (eine Freundin umschrieb das letztens mit der Vokabel „Machette“), aber in der Regel bin ich ja nett zum schwachen Geschlecht und versuche Männer nicht zu sehr zu überfordern.

Liebe Fernsehanstalten, ganz unabhängig von teils wirklich grauenerregender Werbung: manchmal gibt es ja auch Spots, die ich wirklich toll finde. Ihr seht also – ich bin durchaus bereit, mir sowas mal anzusehen. Was sich mir allerdings nicht erschließt, ist der Lautstärkepegel. Da sitzt man des Abends ausnahmsweise mal aufmerksam vor dem heimischen Fernsehgerät, statt eine nette DVD ohne Unterbrechungen zu gucken, vertieft sich in einen Film, lässt sich in die Storyline fallen, von ihr gefangen nehmen und wird dann – natürlich immer mitten in der spannendsten Szene – vom infernalisch-lauten Plärren der einsetzenden Werbung in die Wirklichkeit zurückkatapultiert. Das hat dann nicht zur Folge, dass ich mir entspannt lächelnd denke „Ohja, genau! Diesen [an dieser Stelle beliebigen Konsumschrott einsetzen, dem ich auch regelmäßig verfalle] brauche ich unbedingt und sofort!“, sondern ein hektisches Grabschen nach der Fernbedienung und der Mute-Taste und folgliches Ingorieren des Werbeblocks beginnt. Und nicht nur ich persönlich habe den Eindruck, dass sich die Lautstärke in der letzten Zeit sogar noch um einiges gesteigert hat.

Und jedes Mal nach dieser Aktion frage ich mich: Wo ist darin der verdammte tiefere Sinn? Ich meine – entgeht mir da irgendetwas? Diese extreme Lautstärke sorgt doch nicht dafür, dass ich Produkt XYZ mehr Aufmerksamkeit schenke, sondern nur dafür, dass so ziemlich jeder leise schaltet, eine Flasche Wein aufmachen geht, was zum Knabbern aus der Küche holt oder erst mal ganz simpel aufs Klo verschwindet. Vielleicht kann mir das ja jemand mal erklären. Wäre nett. Ich finds halt sinnfrei.

Edit: Der Gatte hat hierzu gerade noch diesen Blogartikel aus den Weiten des Netztes gefischt.

 
Januar 8th, 2012 Werbung | No Comments
 
 

Die Erweiterung meines Gewerbescheins kam eben per Post vom Ordnungsamt an. Ich bin ja immer noch fasziniert, wie relativ unkompliziert und nett das ablief. Ich kann mich dennoch des leicht aufsässigen Gedankens nicht erwehren, dass es eventuell noch ein wenig unkomplizierter hätte ablaufen können.

Zum Beispiel mit direkter und digitaler Dokumentenübermittlung. So habe ich mir nach diversen Telefonaten, und einem gescheiterten Versuch mir das Ding per Mail zusenden zu lassen, das Formular aus dem Netz gezogen, habe es ausgedruckt, ausgefüllt, in einen Umschlag gestopft und zum Amt geschickt.

Die haben es dann irgendwann ausgepackt, durchgelesen, meine Angaben teilweise ignoriert, teilweise veraltet von meinem alten Gewerbeschein übernommen und diese Daten dann – garniert mit Rechtschreibfehlern – in ein digitales Dokument übertragen, abgespeichert, ausgedruckt, abgestempelt,  in einen Umschlag gestopft und mir dann zur Kenntnisnahme zugesendet.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Freundlichkeit und Geduld der Dame vom Amt, bei der ich dann schlussendlich vor drei Wochen mehrfach telefonisch landete, wirklich ungewöhnlich war (das ist jetzt wirklich nicht ironisch gemeint!). Aber das ich den Vorgang – in dem Wissen wie es auch ablaufen könnte (Dokument online ausfüllen, absenden, zurückbekommen – ohne Schreib- und Übertragungsfehler durch Maschine Mensch) – dennoch als erfreulich unkompliziert bezeichne, wirft doch ein etwas bizarres Licht auf unser digitales Jahrhundert…  😉

 

 

 
Juli 16th, 2011 Berlin speziell, Gesetzgebung | No Comments
 
 

Deutschland ehrt Wladimir Putin mit dem Quadriga-Preis und gibt sich gleichzeitig der Lächerlichkeit preis. Auf der Homepage liest man ganz allgemein über die Ziele und Philosophie der Preisvergabe: „Wir ehren Werte. […] Die Quadriga ist all jenen gewidmet, durch deren Mut Mauern fallen und deren Engagement Brücken baut. Die Quadriga würdigt Persönlichkeiten und Projekte, deren Denken und Handeln auf Werte baut. Werte brauchen Visionen. Werte brauchen Mut. Werte brauchen Verantwortung. Die Quadriga würdigt Vorbilder. Vorbilder für Deutschland und Vorbilder aus Deutschland.“ Das diesjährige Motto ist übrigens „Leadership“. (Quelle: Die Quadriga)

Ja geil. Jeder des denkens fähige und gehirntechnisch wache Mensch packt sich bei der Verkündung dieses unwürdigen Preisträgers mehr als nur leicht entsetzt an den Kopp. Und unser aller Leader Putin grinst sich bestimmt gerade ins Fäustchen. Mit genug verdrehtem und korrumpierten Geist kann man sich lebhaft vorstellen welche Visionen Putin wohl verantwortungsvoll hegt, worauf er kämpferisch seinen Mut ausrichtet und welche weiteren (Gesetzes-)Mauern er wohl einzureißen gedenkt.

Auch ganz wunderbar, welch glorreiches Signal Deutschland damit setzt. Die politisch Verfolgten, Entrechteten und Ermordeten im ach so „lupenrein“ demokratisch organisierten Russland wird es bestimmt freuen zu hören, dass wir die Werte, für die Putin steht, so kraftvoll unterstützen und preisen. Das wirft ein sehr erhellendes Schlaglicht auf die politischen Wege und Ambitionen Deutschlands.

Vorhin habe ich einen genialen Kommentar hierzu auf Radio Eins gehört, wo die vorbildhaften Ideale Putins mit der Anfangszeit des 1000jährigen Reiches verglichen wurden.

Danke. Nicht mit mir. Nicht als Leader. Und erst recht nicht als Führer.

Kleiner Nachtrag: Von Cem Özdemir, einem der Kuratoriumsmitglieder der Quadriga, gibt es inzwischen eine Stellungnahme zur Ehrung Putins und die Mitteilung, dass er (Özdemir, leider nicht Putin ;-)) sein Amt niedergelegt hat.

 
Juli 12th, 2011 Berlin speziell, Politisch | 1 Comment
 
 

Ich sitze ja des öfteren mal leicht entgeistert vor dem Fernseher ob der Dinge, die sich darin abspielen… Und ich bin die Letzte, die Weibchen-Skills verabscheut und auf einem Bürstenhaarschnitt besteht.
Ja, ich mag schöne Schuhe, ja ich mag Make-up, ja ich gehe für mein Leben gerne Shoppen und ja ich hab nen ungesunden Hang zu Edelkitsch. Ich mag es, wenn Männer mir Komplimente machen. Und ich finde Push-up-BHs sind ne tolle Erfindung.  Seht ihr? Ich kann das schreiben, ohne mir nen Zacken aus der feministischen Krone zu brechen.

Aber: ich kann meinen Rechner selbst bedienen, irgendwelchen Kram darauf installieren, ich bediene vier unterschiedliche CMS und kriege dabei keinen peinlichen hysterischen Anfall à la „Huch.. ich bin ja nur ein kleines Weibchen, wo ist der Mann, der für mich den Technikkram macht?“. Ich finde sowas spannend, bin angemessen entsetzt, wenn jemand (meiner Meinung nach) hinlänglich bekannte technische Begriffe nicht kennt,  ich habe meinen eigenen Hammer, bin der Meinung, dass das „schwache Geschlecht“ meist eher männlich ist, baue gerne Regale zusammen und finde „root“ sexy.

Dennoch kräuseln sich mir die hübsch sommerlich lackierten Fußnägel, wenn ich derzeit die Werbung von Škoda für ihre Familienkutschen sehe.  Mit dem tollen Webeslogan „Jede Familie ist anders. Und doch gleich.“ werden einem hier verschiedene blähende Babys samt Familien in verschiedenen Škoda-Autos präsentiert. Die Geruchsbelästigung durch volle Windeln ist hierbei eher uninteressant.

Spannend ist nur das Sujet: Der Mann am Steuer, die Frau brav auf dem Beifahrersitz. Das Kind furzt. Die Frau (natürlich zuständig für die Säuberung des Sprosses) wühlt sofort hektisch nach der Windeltasche, während der Mann weiterhin würgend am Steuer sitzt. Ha. Ha. Lustig.

Leider bleibt einem bei den wirklich wunderhübsch festgetretenen Rollenbildern (die mich persönlich doch eher an die 50ties  gemahnen, fehlt nur noch, dass sie ihm perfekt frisiert die Hauspuschen zurecht rückt, „Papa“ nennt und einen trockenen Martini serviert) das Lachen eher im Hals stecken. Ich finde diese Werbung auch nicht süß oder niedlich, sondern erschreckend.  Mir persönlich wird schlecht, wenn ich die Selbstverständlichkeit wahrnehme, mit der diese uralt-verstaubten Rollenschemata in Richtung deutsche Kleinfamlie propagiert werden. Als Škodas Zugeständnis an die sich verändernde Weltordnung könnte höchstens mit viel, sehr viel Augenzudrücken, der einzelne Vater am Ende gesehen werden, der in einem cholerischen Anfall die hintere Klappe des Autos zu schmeißt.
Ich hoffe doch sehr, dass der Rest Deutschlands nicht wirklich „Und doch gleich“ ist.

Ich bin in diesem Fall jedenfalls nicht Deutschland. Bei uns habe ich den Führerschein und mein Mann wird schon bleich, wenn er ne Runde mit dem Fahrrad drehen soll. Vermehrt haben wir uns zwar noch nicht, aber ich weiß todsicher, dass er seinen angemessenen Anteil an vollgekackten Windeln übernimmt, sollte es jemals so weit sein.

Pünktlich zur FIFA Frauen-WM:  Waschmaschinen, Backöfen und Tiefkühlschränke

Und die Werbung ist nicht nur bei Autos so wahnsinnig erfindungsreich. Die PR-Firma  des Technikverscherbelers „Expert“ stößt in ein ähnliches Horn. Die haben nämlich seit neuestem die Fußballerinnen Célia Okoyino de Mbabi, Fatmire Bajramaj, Kim Kulig und Simone Laudehr unter Vertrag und werben mit dem unglaublich fantasiereichen Slogan (aufgepasst, Atem anhalten:) „Die schönste WM aller Zeiten!“ (Tätä, tätä, tätä!). Meine Güte. Leute. Da habt ihr aber lange dran gefeilt und euch anschließend freudig über diesen großen verbalen Wurf die von Schaumgummi unterpolsterten Anzugschultern geklopft, wa?

Zu sehen: Die Fußballerinnen in Slomo, wie sie sich während des Spiels mal schnell Lippenstift aufpinseln und Rouge mit dem Puderpinsel nachtupfen. Was für ein Geistesblitz.
Anschließend wird dann die Werbung für die verschiedenen Produkte eingeblendet. Und nein, das sind keine Hochleistungsrechner oder spannende Spielekonsolen, sondern Backöfen, Waschmaschinen oder Kühlschränke. (Ja, ernsthaft. Kein Scherz.)

Glänzend. Der Frauenfußball emanzipiert sich also endlich. Wird endlich wahr und ernst genommen, von der Gesellschaft nicht nur verlacht und dann macht das weibliche deutsche Nationalteam Werbung mit Schminkutensilien für Backöfen??! Als ich das das erste Mal sah, dachte ich erst dezent fassungslos an eine Persiflage. Mich packte das Grauen, als ich erkannte, dass dies ernst gemeint war. Mögen die Fußballerinnern der Nationalmannschaft sich normalerweise schminken wie sie wollen – das ist mir Wurst. Aber so eine Werbung für Haushaltsgeräte? Was wollen sie damit beweisen? Dass sie „trotz allem“ noch weiblich sind? Auch Frauen sind? Dazu braucht es weder Lippenstift in Signal-Nuttenrot, noch ne Waschmaschine in einer endpeinlichen Werbung, die sie selbst auf allen Ebenen deklassiert. Frau ist ja an den medialen Anblick dämlicher Fußballer gewöhnt, die sich durch die diversen Schokoladenbrotaufstrich-Chips-oder-Milchproduktwerbungen stammeln, aber das die Damenmannschaft in dieses billige Horn stoßen und sich im Sinne altbackener weiblicher Rollenbilder instrumentalisieren lässt, ist mehr als befremdlich und schlicht und ergreifend eines: schade.

<end of gehirnausschüttung>

 
Mai 29th, 2011 Werbung | 6 Comments