Archive for November, 2009

Eines mal vorweg: trotz meiner kulturellen Herkunft aus dem orientalischen Raum bin ich keine Muslima – das Geburtsrecht lassen wir hier mal Außen vor. Genausowenig bin ich Christin, obwohl ich hier jahrelang tätig war und mich als Jugendliche taufen ließ – ein Ritual das ich persönlich auch heute noch wertschätze. Ich denke, dass ich – vielleicht auch dank meines Studiums der Soziologie – in der Lage bin einen objektiven, religiös-uneingefärbten Blick auf dieses verquaste Schlamassel zu werfen. Ich bemühe mich zumindest darum.

Die Schweiz und die leidigen Minarette

Einige Menschen werden es vielleicht am Rande mitbekommen haben: am 29.11.09 wurde in der Schweiz per Volksentscheid darüber entschieden, ob Minarette gebaut werden dürfen oder nicht.

Vor über einem Jahrzehnt gab es von ein paar rechtschristlich angehauchten Bürgern in Duisurg ähnliche Bestrebungen, diese wurden allerdings – den Göttern sei Dank – abgeschmettert. Heute steht in Marxloh  mit der Merkez-Moschee eine der größten und modernsten Moscheen Deutschlands, die aktiv in der Integrationsarbeit tätig ist. Der Bau lief reibungslos ab – es geht also auch erfreulich anders.

Eigentlich erübrigt sich in einem Land, das kein Kirchenstaat ist und das  Recht auf freie Religionsausübung garantiert, solche eine Abstimmung. Im Grunde ist es ja nun pupsegal ob Kichturm, Minarett oder Buddhatempel. Abgestimmt wurde in der Schweiz dennoch und das mit einem ziemlich hässlichen Ergebnis, das völkerrechtlich mehr als nur ein wenig bedenklich ist. Kai hat in seinem Blog “Kai`s Kram” schon ziemlich treffend eine Meinung dazu abgegeben, die ich zu 100 % unterschreibe. Wenn ich mich an dieser Stelle weiter über die grenzenlose Blödheit der menschlichen Natur auslassse schnellt mein Blutdruck sonst durch die Decke.

Unqualifiziertes Stammtischgesülze

Natürlich blieb es meiner Gesundheit dennoch nicht erspart sich ein wenig aufzuregen. Bei twitter stolperte ich vorhin über folgenden tweet: “Aaron Koenig – Das Windows ME unter den Bundesvorständen”. Erst entlockte mir das nur ein sanftes Geek-Grinsen, dann fragte ich mich, was der gute Aaron – seines Zeichens Mitglied im Bundesvorstand der Piratenpartei – denn wohl diesmal verbockt hat, um Ziel eines solch treffenden Satzes zu werden. Eigentlich ja auch dumm von mir, anzunehmen, dass er diesen politischen Fettnapf in seinem Blog eventuell auslassen und sich vielleicht einmal mit den unqualifizierten Stammtischparolen, die er dort gerne mal propagiert, zurückhalten würde.  Aber nein, das zarte Pflänzchen meiner Hoffnung wurde quasi verbal zertrampelt, als ich dort lesen musste, dass alle Muslime  ihre religiösen Feinde töten wollen und Aaron glückselig die Schweiz und ihre Demokratie als Mittel gegen die Politkverdrossenheit prieß.  Die Rachepsalme, die wir in der Bibel finden, lassen wir an dieser Stelle mal links liegen. Der missionarische Impetus des AT, der Jahrhunderte das Christentum beflügelt hat, is ja nich so gemeint, ne? Geniales Argument. Herrlich.

Lieber Aaron, weiter so. Fasel dich weiter um Kopf und Kragen, gib den Piraten einen weiteren schmierigen Anstrich, auf dass du bald demokratisch und mit einer möglichst großen Anzahl der Stimmen aus deinem Amt entfernt wirst. Ein Hoch auf die Demokratie!

Zusatz 02.12.09:

Meine leicht übernächtigten Augen sind gerade nochmal über Aaron Koenigs politisches Geschwafel geirrt. Soweit ich es nachvollziehen kann, ist der Beitrag im Nachhinein editiert und entschärft worden. Kommentarlos. Bei mir regt sich Brechreiz.

 
November 30th, 2009 Berlin speziell, Gesetzgebung, Politisch | No Comments
 
 

Derzeit ist es hier – krankheitsbedingt – leider ein wenig sehr ruhig. Zum Mauerfall mag ich dennoch kurz mein Mäulchen aufreißen, auch wenn ich nicht wirklich was dazu zu sagen habe. Ich war zarte zehn Jahre alt als sie fiel. Dumpf erinnere ich mich, dass meine Mutter heulte und tagelang aufgeregt war. Mein geliebter Gemahl war immerhin schon 19 und diente gerade bei der Volksarmee. Und ich habe – entgegen der anderslautenden Fernsehsprüche – gar keine Ahnung wo ich damals war. Ich schätze sehr wahrscheinlich tief schlafend in meinem grässlichen Jugendbett,  die Wange glücklich an meinen Kuschelhasen gedrückt.

Mauer_Dieter-Schütz

Und nun sitze ich hier heute Abend auf meinem Sofa, Standort ehemaliges Ostberlin, ich größtenteils sozialisiert im Westen und verliebt in eine ehemals tiefrote Socke. Deutschland und Berlin feiert und ich denke mir: es ist schon echt seltsam, welche Wendungen die Geschichte nimmt. Im Grunde ist es doch wirklich ein Treppenwitz der Geschichte – gewürzt mit einer immensen Portion Glück. Da nuschelt ein Herr Schabowski verkrampft ins Fernsehmikrofon und daraufhin stürmen tausende Bürger friedlich die Mauer – und die  seit Jahrzehnten auf Feindbild und Schießbefehl getrimmten Soldaten lassen sie passieren.  Wenn es nicht so passiert wäre, würde das wohl kaum einer glauben. Hätte ich mir diese Story für einen Roman ausgedacht, hätten die Kritiker mich wohl in Grund und Boden gestampft.

Ich hab die Stimmung als Kind ja nur mit halbem Ohr mitbekommen. Klar, da passierte “was”, meine Eltern, meine große Schwester & meine Oma – wir waren nur drei Jahre früher aus Leipzig via Irak nach Westdeutschland geflohen (ich sollte endlich einen Roman darüber schreiben… ) – waren total aus dem Häuschen. Aus den Erzählungen später habe ich aber eines gelernt: wir haben ein so dermaßen verdammt großes Glück gehabt, das wir das vielleicht gar nicht richtig fassen können. Mal abgesehen von der Frage ob die Wiedervereinigung von Ost und West nun wirklich gut war, es gab so dermaßen viele menschliche Faktoren die einfach hätten schief gehen können. Mein Mann saß während dieser Zeit in einem Munitionslager im Erzgebirge fest und hatte Ausgangssperre – zusammen mit ein paar hundert anderen hormon- und Propagandainduzierten Jungsoldaten. Die Offiziere machten rasch die Fliege und die Gerüchteküche über Angriffe des Klassenfeindes brodelten hoch. Viele waren damals darauf getrimmt und bereit ihr Vaterland mit der Waffe zur verteidigen. Pures Glück – anders kann man es nicht nennen – das nicht jemand vom Lagerkoller befallen zum MG griff und die Landesverteidigung probte. Absolutes Glück, dass bei den Grenzsoldaten in Berlin an diesem speziellen Tag keiner dabei war, der mies drauf war und deswegen den Schießbefehl verwirklichte.

Vielleicht sollten wir uns das Glück, das wir hatten, ab und an nochmal herauskramen und uns vor Augen halten, wenn wir drohen in platte Stammtischparolen zu verfallen und uns Altes herbei wünschen.

Die Euphorie von damals hat vielleicht etwas Moos angesetzt. Manchmal ist man auf seine Mitmenschen etwas gnatzig. Aber vielleicht ist das auch gut so. Die neue Generation hat vielleicht nicht diesen absolut überwältigenden Freudentaumel erlebt, dessen Schatten in manchen Fernsehbildern noch hochkocht. Sie sieht keinen fetten Spalt zwischen Ost und West mehr, im Gegensatz zu uns Alten, die ganz gerne mal hämisch was von “Duuu Osssiiiii!!!!” oder “Vom Wessi lernen, heißt siegen lernen!” krähen.

Mein Dank allen möglichen zuständigen Göttern, den meist gehässig grinsenden Schicksalsnornen (die sich ausnahmsweise mal beherrschten) und vor allem den Menschen. Ich denke an die Menschen die durch die Geschichte unseres Landes gebrochen wurden und an alle die Leben die mit der Wende eine ebensolche erfuhren. Auch wenn das Leben an sich nicht immer einfach ist – wir hätten es wirklich schlechter treffen können… ;-)

Reichskristallnacht

Noch eine wichtige Erinnungern – heute vor 71 Jahren gab es deutschlandweit Pogrome (Ja, das Wort heißt tatsächlich “Pogrom” und nicht “PROgrom” – auch wenn die Berichterstattung von RTL uns das weiß machen will.)  – unter der hübsch-glitzernden Vokabel “Reichskristallnacht” in unseren Geschichtsbüchern bekannt geworden. Ungezählte Menschen wurden von ehemaligen Nachbarn und Freunden aus ihren sicheren Betten gerissen, in Konzentrationslager verschleppt, Geschäfte und Wohnungen verwüstet und geplündert, circa 400 ermordet.  Tante Wiki hat dazu einen ausführlichen Artikel: Reichspogromnacht.

 
November 9th, 2009 Berlin speziell, Menschen, Politisch | No Comments