Vorsicht! Es folgt mal wieder Piraten-Content. 🙂 Letztes Wochenende war ja die LMVB. Wem das nichts sagt, hier die Aufschlüsselung: die Landesmitgliederversammlung der Piratenpartei Deutschland Berlin, die am 27. und 28.02.2010 im Meistersaal am Potsdamer Platz statt fand. Ehrlichgesagt habe ich in meinem bisherigen Leben zwar schon öfters politische Diskussionen geführt (das bleibt mit dem Nebenfach  Sozialwissenschaft/Politik/Soziologie im Studium ja nicht so ganz aus..), mich ansatzweise für die Politik und die Zukunft unseres Landes interessiert, aber nie gedacht, dass ich mal wirklich freiwillig Mitglied einer Partei sein würde.  Ein wenig ist es so, als wenn man vorher zu Sprachlosigkeit verdammt war und plötzlich das Heft eines äußerst scharfen Schwerts in die Hand gedrückt bekommt. Wen es interessiert, für den ist hier das Protokoll der Sitzung.

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Am Samstag konnte ich leider nicht teilnehmen (dafür war mein Liebster dort und hat über Tag 1 und Tag 2 geblogt), am Sonntag glänzte ich dann aber mit meiner edlen Anwesenheit. Mein Tag begann irgendwann gegen 6.30 Uhr mit Magenkrämpfen und der  Innensansicht der Porzellanschüssel. Knapp haben wir es dann noch zur Akkreditierung geschafft, so dass ich sehr fasziniert an diesem Stück Basisdemokratie teilnehmen konnte. Geheime Abstimmungen, Liquid Feedback, formelle Gegenrede, offene Abstimmungen, leckere Brote der AG Schnittchen und jede Menge interessante Leute sind mir begegnet. Und eines habe ich gelernt: demokratische Prozesse benötigen jede Menge Aufmerksamkeit und Zeit. Ich habe ja sowas zum ersten Mal mitgemacht, war aber wirklich positiv überrascht über die Organisation, Professionalität und vor allem Andersartigkeit. (Mein Strickzeug habe ich mir aber dennoch verkniffen mitzunehmen. Das wäre für anwesende Pressevertreter wahrscheinlich ne zu große Reminiszens an die Grünen gewesen. *grinst*) Zwischendrin gings mir nicht ganz so gut und ich habe es noch geschafft mein Beinkleid mit heißem Magentee zu begießen. Das folgende Bild, auf dem mich Cbmd, der Haus- und Hoffotograf der Piraten, abgeschossen hat, und wo ich aussehe wie etwas das halb vorverdaut und wieder ausgespuckt wurde, ist dem geschuldet. Nein, ich bin nicht die nette Dame links außen, sondern die etwas matschig vor sich hin schielende Person in der Mitte. Nehmt es dennoch als Beweisfoto für meine Teilnahme an diesem historischen Tag.

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Die Gründung der Piratinnen

Noch etwas ist untrennbar mit diesem Parteitag verbunden: die Gründung einer Mailingliste nur für Piratinnen. Für Außenstehende: Piratinnen gab es bisher nicht. Zwar gibt es natürlich bei den Piraten auch Frauen (bin ja bestes Beispiel), da man aber von  einer absoluten Gleichberechtigung ausgeht, war es bisher Konsens, dass man dafür kein eigenes Wort nutzt. Sondern allenfalls (die leicht nervige) Langversion „weibliche Piraten“.

Pünktlich zur LMVB – und natürlich dadurch auch sehr pressewirksam – hat Lena Simon nun die Piratinnen, eine Gruppierung innerhalb der Piratenpartei, mit einer eigenen Wikiseite und einer Mailingliste, ins Leben gerufen, um einen Schutzraum für in den Hintergrund gedrängte Frauen in der Partei zu schaffen.  Und als Zugabe hat sie gleich noch unauthorisiert und eigenmächtig eine Pressemitteilung dazu raus gegeben, die einen gewissen Schatten auf das vergangene Wochenende warf.

Mal ehrlich – ich gehöre zu den Frauen, die sehr gerne Piratinnen sagen/schreiben/denken würden. Ich finde es ist ein Recht, das Frauen lange verwehrt war und das gerechtfertigt ist, genutzt zu werden. Ich verstehe allerdings auch die Argumentation der Partei, ich gehe mit ihr zum Wohl der anderen konform. Mir sträuben sich allerdings bei all zu dogmatischer Bezeichnungswut die Nackenhaare und ich mag einfach selbst wählen dürfen welches Wort ich nun nutze. Ein Ausdruck ebendieser Freiheit ist ja auch meine Mitgliedschaft in der Piratenpartei.

Genderdiskussion: Pirat? Piratinnen? Pirataußen? Piratunten?

Jetzt kommt aber mein großes „aber“. Aber: der Zweck heiligt nicht die Mittel, nein, tut er einfach nicht. Denn der erstellte Schutzraum treibt erste seltsame Blüten, wie diese Piratin inzwischen feststellen durfte. Ich empfand es auch mehr als nur ein bisschen strange, dass die Initiatorin zwar auf der LMVB auftauchte, da scheinbar hübsch in die Kameras lächelte und wohl Interviews gab, aber Gespräche mit anderen Piraten und explizit auch mit verwirrten Piratinnen, für die sie ja medienwirksam streitet, offen ablehnte. Das am Wochenende auf der Mailingliste auch schon das Misstrauen so hoch kochte, dass man eine Liste in der Liste gründen wollte, wo nur echte, durch Frauen zertifizierte Frauen, reinkämen – quasi ein geheimer Super-Geheimclub – ist nicht mehr nur obskur, sondern einfach nur noch gaga zu nennen. Und mir fehlt es langsam einfach am Verständnis für diese Aktion. Also Piratinnen – gerne, ja doch. Aber muss das so sein? Indem ich meiner Partei schade und sämtliche Leute egozentrisch vor den Kopf stoße?

Das Thema brodelt vor sich hin, andere Landesverbände distanzieren sich schon irritiert und es hat einfach einen unguten Beigeschmack. Die Gefahr, dass feministische Frauenverbände – die meiner Meinung nach eine hohe Daseinsberechtigung besitzen – diese Aktion und die Empörung darauf in den falschen Hals bekommen und uns als frauenfeindlich hinstellen, ist einfach groß. Wir wissen alle, wie schnell so eine Hexenjagd iniziiert ist.

Ich fühle mich als Wesen mit Eierstöcken in der Piratenpartei wohl. Wenn ich nicht nach vorne zum Rednerpult dränge, dann nicht deswegen, weil mich ein böser, böser selbstherrlicher Mann mit seinem Testosteron zur Seite drängt und ich mich nicht geschützt fühle, sondern weil ich a) gerade nichts wirklich geistreiches zu sagen habe b) ich vielleicht zu unsicher bin und/oder c) Panik vor den ganzen Leuten habe. Und ich bin mir verdammt sicher, dass es einem Großteil der Schwanzträger da draußen garantiert genauso geht und das nichts gebärmutterspezifisches ist oder mit meinem weiblichen Hormonspiegel zu tun hat.

Und hey – vielleicht ist es einigen ja nicht aufgefallen, aber obwohl wir so wenige sind, sind drei Frauen gerade letztes Wochenende in den berliner Vorstand gewählt worden. Sonderlich unterdrückt wirkten die jetzt nicht. Vielleicht wäre ein geschlechtsunabhängiger Schutzraum für Menschen, die sich zurückgesetzt und ungehört fühlen, die richtige Antwort auf die derzeitige Problematik.

Ein Gutes hat die niedrige Frauenquote der Piratenpartei: endlich mal kein Gedränge auf dem Frauenklo. 😉

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13 Responses to “Rundumschlag: LMVB & Piratinnen – Basisdemokratie rulez!”

  1. Mit piratigen Grüßen » Blog Archive » Piratinnen – persönliche An- & Einsichten Says:

    […] Berlin Kolumne […]

  2. Mela Says:

    Danke für deinen Vor-Ort Bericht.
    Lenas Verhalten wirft doch ein sehr merkwürdiges Bild auf sie und ihre Aktion.
    Das Gefühl, dass es eigentlich um Publicity und irgendwas Persönliches geht, war für mich bislang eher diffus… bekommt nun aber noch mehr Substanz.

    Lena hat, meiner Ansicht nach, gleich dreimal Schaden angerichtet:
    Sie hat ihr Bild in der Partei beschädigt. Vermutlich irreparabel.
    Sie hat das Bild der Partei nach aussen geschädigt, wie ja auch ihr Bandmitglied Aaron.
    Und sie hat jede sinnvolle Diskussion über Genderthemen in der Partei auf Monate hinaus nahezu unmöglich werden lassen.

    Jeder der das Thema in Zukunft aufs Tablett bringt, wird erst mal durch die Lena-Brille betrachtet werden.

    Prima Leistung.

  3. Andi Says:

    Also erst mal herzlichen Danke für deinen Bericht von der Mitgliederversammlung. Insbesondere deine Schilderung von Lenas verhalten ist für den ein oder anderen sicher interessant.

    Ich möchte nur nochmal meinen Senf dazu loswerden, dass du dich natürlich so nennen darfst wie du willst. Niemand, auch nicht unsere Satzung, kann dir verbieten dich Piratin zu nennen. Das war auch nie die Intention der Satzung, das interpretieren nur die Leute hinein, die meinen jeden Buchstaben der Satzung mit Programmierlogik auflösen zu müssen 😛

  4. Flexi Says:

    Lena ist tatsächlich einfach nur auf ihre Medienwirksamkeit bedacht.
    http://www.youtube.com/watch?v=aLdZ1FGPHws

    Wenn man zu diesem Thema mal nur die Frauen zu Wort kommen lassen würde,
    wär die Ablehnung noch sehr viel deutlicher…

  5. Chaamba Says:

    Wo ist der Schutzraum für die unter Plattfüsse leidenden Menschen?

    Ich habe auch bald mein Orchideenstudium zu Ende. Gerade in der immer noch anhaltenden Wirtschaftskrise bräuchte ich auch ein bißchen Aufmerksamkeit. Soll ich mich an die taz wenden?

    Das Video spricht nicht gerade für die Lena.
    http://www.youtube.com/watch?v=aLdZ1FGPHws

  6. Shermin Says:

    Danke für euer Feedback.Ich bin gestern von den stark erhöhten Seitenzugriffen ehrlichgesagt etwas mental überrannt gewesen.

    @Mela – Ja, die Problematik, dass das Genderthema jetzt erstmal sehr negativ behaftet ist, sehe ich durchaus ähnlich.

    @Andi – *grinst* Danke für den letzten Zusatz, sehr erhellend. Werde ich in Zukunft drauf zurückgreifen. 😉

    @Flexi & Chaamba – Danke auch für eure Kommentare – verstehe allerdings den Zusammenhang mit dem uralten Youtube-Video nicht so ganz.

    Um das nochmal kurz festzuhalten: ich lehne das dargestellte Verhalten der neu gegründeten Gruppierung während der letzten Tage deutlich ab, allerdings nicht das Thema einer Genderdiskussion an sich. Es kommt eben auch auf die Art und Weise an, wie man etwas angeht und durchführt. Bei den momentan grassierenden Kommentaren von Piraten (!) in denen lakonisch über Zugangsberechtigung per Menstruationsblut oder die Möglichkeit als Frau den Mitgliedsbeitrag per sexueller Dienstleistung abzuarbeiten gewitzelt wird, kommt mir persönlich zum Beispiel extrem die Galle hoch.

  7. Internationaler Frauentag « Alltag « Die Berlin-Kolumne Says:

    […] zerquollenen) Quentin Tarantino einzufangen. Waltz flüchtet. #Oscars 10 hours ago RSSRundumschlag: LMVB & Piratinnen – Basisdemokratie rulez!Die Kunst eines guten GazpachoBushidō – Der Weg des KriegersAdvent, Advent, die Bahn, die […]

  8. Azundris Says:

    Was jetzt als nächstes geschieht wird sich noch zeigen müssen, aber ich denke selbst wenn jetzt jemand hinterm Busch vorspringt und ruft, „Ätsch, das war ein Kunstprojekt, und die Reaktionen haben genau gezeigt, dass die Piraten-Partei eben ihrem post gender-Anspruch genau nicht gerecht wird“ und es dann dabei belässt, ist es schon win.

    Dass sich manche am modus operandi stört, leuchtet mir wohl ein; aber es drängt sich auch der Eindruck auf, dass man Bedarf ignoriert und Themen verschleppt hat, so lange, bis das halt jemand gehackt hat.

  9. Blagg Bearl - Stammtisch Bamberg vom 8.3.2010 | Freibeuterhafen Says:

    […] Blogeintrag von Shermin […]

  10. Richtigstellung (?) zu Lena “Leena” Simon « Allgemein « Die Berlin-Kolumne Says:

    […] als Füllung für Dielenbretter. #yak 9 hours ago RSSInternationaler FrauentagRundumschlag: LMVB & Piratinnen – Basisdemokratie rulez!Die Kunst eines guten GazpachoBushidō – Der Weg des KriegersAdvent, Advent, die Bahn, die […]

  11. Shermin Says:

    Hallo Azundris & thx. für deinen Kommentar. Das eventuell Diskussions- und Lösungsbedarf besteht will ich gar nicht bestreiten oder unter den Teppich kehren. Aber wie Mela das auch schon formuliert hat: durch die Art und Weise ist ein Schaden entstanden, der zunächst erstmal kaum reparabel erscheint. Neben der Beschädigung ihres persönlichen Ansehens (und dem der Partei in der Öffentlichkeit) hat es Lena durch die ganze damit verknüpfte Vorgehensweise nämlich leider auch hervorragend geschafft ein (vielleicht nicht unwichtiges) Thema und die daran klebende Diskussion voll vor den Baum zu fahren. Meine 5 Cent dazu. 😉

  12. Cymaphore Says:

    Quote: „[…] einige der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Piraten sind Frauen – und werden durch diese Diskussion meines Erachtens nach schwachgeredet. […]“

    Bericht: Wer sind eigentlich „die Piratinnen“?
    http://bit.ly/apcwNO

  13. Nachlese mit Senf: Von #Piratinnen » Under Skull and Bones Says:

    […] hat über den LMV-Berlin gebloggt und erwähnt darin auch die Gründung der Piratinnen und zeigt sich sehr verwundert über das […]

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