Archive for April, 2010

Manchmal, manchmal da begegnen sich zwei Fremde, treffen für einen Augenblick aufeinander, bekennen ihre Geheimnisse, laden Schuld ab, verändern Leben und Ansichten, lösen sich plötzlich wieder, streben auseinander und berühren sich nie wieder.

Seit zwei Tagen verfolgt mich eine Begegnung im Wartezimmer. Eine Frau setzt sich neben mich, etwas älter als ich. Nett sieht sie aus, aber mein Magen zieht sich leicht zusammen. Mit irgendeiner Belanglosigkeit zieht sie mich in ein Gespräch, erwähnt ihre Schwangerschaft. Ich lege mein Buch beiseite. Dann, plötzlich, unerwartet, blickt sie mich an und erklärt mir, dass sie  gerade vom Frauenarzt kommt und hier ist um weitere Fragen abklären zu lassen. Ihr Baby ist seit sieben Wochen nicht gewachsen. “Das wird wohl nichts mehr.”, tropft von ihren Lippen. Sie blickt mich an. Blank. Die Worte purzeln zwischen uns zu Boden. Ich schlucke. Blicke ihr ins Gesicht. Sehe eine hauchdünne Schicht heiter-mechanischer Beherrschung, darunter einen dunklen Abgrund. Da sitzt eine Frau neben mir, mit einem toten Baby in ihrem Bauch und erzählt mir von ihren drei lebenden Kindern. Sie weiß es, aber begriffen hat sie es noch nicht. Ich verstehe, warum es aus ihr heraus bricht. Das es vielleicht leichter fällt, das Entsetzliche erstmal einer Wildfremden aufzubürden. Ich sehe, dass sie ein Stück Normalität braucht, die Fremde mit dem toten Kind in sich. Mein Lachen ist vielleicht ein wenig schrill, meine Stimme einen unbestimmten Hauch belegt, von den Tränen die mir hinter den Augen sitzen, aber ich wende mich ihr zu. Rede mit ihr. Schenke ihr etwas Zeit. Versuche einen Schmerz zu mildern, den man nicht erleichtern kann, der noch nicht mal angefangen hat zu brennen.  Bis ich gerufen werde und weg bin, die Wege wieder getrennt sind.

Nachts wälze ich mich durch mein Bett, traumschwer verfolgt von ungeborenen Kindern. Und im Morgengrauen frage ich mich, wieviele Millionen auf diesem Planeten heute einen ähnlichen Weg gegangen sind.

 
April 28th, 2010 Alltag, Menschen | No Comments
 
 

Willkommen im 21. Jahrhundert. Falls ihr schon länger als nur fünf Minuten wach seid und schon mit irgendwelchen Medien konfrontiert wurdet, werden meine verehrten Leserinnen und Leser bestimmt mitbekommen haben, dass Polens Präsident Lech Kaczynski sich samt Gattin und 87-köpfiger Delegation mit seiner Tupolev im russischen Smolensk in den Boden gebohrt hat.

Unabhängig davon, was ich von der Politik des Kaczynskis halte, ist das tragisch. Der Tod keines Menschen ist schön, egal wie er im Leben war und was er verbrochen hat – sonst wäre ich ja eine fröhliche Befürworterin der Todesstrafe. Leben ist wertvoll, jemand hat diese Menschen geliebt, mit ihnen gelacht und sie werden sicherlich einen großen leeren Platz hinterlassen.

Medialer Umgang mit dem Tod des polnischen Präsidenten

Aber ich bin nicht für Trauerarbeit hier. Als ich eben – zugegebener Maßen noch halb im Tiefschlaf – auf der Suche nach Nachrichten durch die Kanäle zappte und bei N24 landete, traf mich der Anblick der auf Schleife laufenden Bilder irgendwie unvorbereitet. Nicht das es besonders entsetzlich wäre…  Bäume, Matsch und verbogenes Metall. Aber die Maschine ist um 8.50 Uhr MESZ verunglückt. Gerade mal zwei Stunden später werden mir hier in Europa Bilder von hektisch umherrennenden russischen Feuerwehrmännern und die Absturzstelle in Nahaufnahme gezeigt. Dort sieht man Rauch, da einige Fetzen in den Bäumen, irgendwelche Menschen stolpern umher, Feuerwehrmänner versuchen Flammen im auseinandergebrochenen Flugzeug zu löschen, Wrackteile sind zu sehen. Die Kamera zoomt näher an Einzelteile heran, irgendwas unangenehm rötliches ist zu sehen, nicht genau erkennbar was, aber das Gehirn spielte eine Sekunden lang einen entsetzlichen Streich und mir wird schlagartig in meiner Nachrichten- und Mediengeilheit bewusst: da liegen Menschen. Oder besser gesagt: Irgendwo in diesem immensen grauen Matschhaufen liegen jetzt menschliche Versatzstücke. Puzzelteile. Auch wenn das nicht erkennbar ist, die Leichenteile der Opfer werden die innerhalb von zwei Stunden wohl kaum da rausgefummelt haben. Ich habe – allen Göttern sei Dank – noch nicht so viele Flugzeugabstürze und deren Berichterstattung mitbekommen, aber sind diese Bilder normal? Mir dreht sich sanft der Magen um und aus meinem Mund blubbert es nur leise “Aber das können die doch nicht zeigen!” – Doch können sie. Wenn es blutet – halt drauf. Das bringt Quote. Das wollen die Zuschauer sehen. Und du gehörst dazu. Würg.

Gerahmt wird das ganze von heruntergeblubberten inhaltsleeren Nachrufen und dem Telefonbericht eines Reporters, der die tiefe Männerverbindung Lech Kaczynskis zu Guido Westerwelle beim Kaffeetrinken analysiert. Ja danke auch… Ich geh dann mal kotzen.

 
April 10th, 2010 Allgemein | 7 Comments