Archive for the ‘ Allgemein ’ Category

Am 04.06.2010 gegen 17.30 Uhr ist mein Großvater Fouad Arif in einem Krankenhaus in Sulaymania, Kurdistan (Irak) verstorben.  Soweit ich weiß, war er knapp 98 Jahre alt, 1912 geboren – noch im Osmanischen Reich. Seine Frau und viele seiner Kinder sind schon lange vor ihm gegangen. Ein langes Leben. Erfüllt? Ich hoffe es.

Vorausgegangen waren in den letzten zwei Wochen hektische Meldungen. Mit Mühe hat mein Vater innerhalb von zwei Tagen einen Flug nach Kurdistan bekommen und kam rechtzeitig, um sich zu verabschieden.

Habe ich das Recht zu trauern? Ja. Denn obwohl ich ihn nur wenige Male sah, war er doch der einzige Opa, den ich kannte. Er nahm Anteil an meinem Leben, gab Geschenke für mich mit, versuchte auf unbeholfene steife Altmänner-Art einer vergessenen Generation mit mir ein paar Brocken auf Englisch zu reden, während ich meist etwas verlegen, von meinem Vater ans Telefon gezwungen, zurück stammelte. Yes, yes I’m fine. Everything is OK.

Als ich heiratete, überraschte er mit einem großzügigen Geschenk. Für mich vollkommen unerwartet. Seine Art mir zu zeigen, dass er mich liebt. Mir das Gleiche mit auf den Weg geben will, wie den anderen Enkeln.

Aus den Geschichten weiß ich, er war geliebt aber er war wohl ein harter und strenger Mann, der Patriarch der Familie. Doch als wir 1986 über Baghdad aus der DDR flohen, krabbelte ich morgens in sein Bett und kuschelte mich einfach an meinen Opa. Kleine süße Enkelinnen mit großen Augen und dunklen Locken nehmen sich manchmal selbstverständlicher ihr Recht auf Liebe, als die eigenen Kinder das konnten.

Und ich nahm Anteil. Wenn ich als Kind abends im Bett lag und spät das Telefon noch klingelte, hieß das: Nachrichten aus dem Irak. Dem fernen Land. Lauschen mit Herzklopfen. Gieren nach Informationen, die durch die brüchigen Leitungen herübertropften. Meist keine guten. Zittern, wenn es hieß, dass er von Saddam Hussein zu einem Gespräch bestellt war und es gewagt hatte, sich zu widersetzen. Lauschend, wenn mein Vater mir Geschichten von damals erzählte, von dem großen Haushalt, der geführt wurde. Von den polierten Armeestiefeln. Dem Pferd, dass er ritt. Von dem König. Von der ersten Begegnung mit meiner Großmutter (von der ich, wie ich fürchte, eine große Portion Wesen geerbt habe). Oder von den Erziehungsmethoden für die Söhne.

Als Tochter bin ich nicht im Stammbaum der Familie eingetragen, der im Haus meines Großvaters hängt. Unser Zweig erlischt sozusagen offiziell, weil mein Vater keinen Sohn hat. Trotzdem bin ich wichtig. Und stolz auf meinen Namen, den ich nicht hergeben mochte. Bei unserer Heirat war mein Mann, der seinen Vater nicht kennt, so fortschrittlich und einfühlsam, meinen Namen als unseren gemeinsamen anzunehmen und ist so noch mehr Teil geworden von mir.

Warum ich über so etwas Persönliches schreibe? Ich will kein Mitleid. Ich will nicht bedauert werden. Wofür auch? Dafür, dass ich zufällig mit jemanden verwandt war, dessen Zeit zu Ende gegangen ist? Ich will mich nur ausdrücken. Mir vom Leib schreiben. Ich hatte keine Chance offiziell Abschied zu nehmen und keine Chance zu trauern. Ich bin nicht bei der großen Familie, die zusammen kommt und ihn auf die letzte Reise schickt. Ich konnte nur hier in Berlin sitzen, mit wachsender Verzweiflung versuchen anzurufen (ohne wirklich durchzukommen) und auf irgendwelche Meldungen warten.
Am Sonntag war die Beerdigung – der Livestream des Fernsehsenders Kurdistan tv brachte mir dann zumindest Bilder davon. Menschenauflauf. Männer in Trauer. Ein kurzer Blick auf meinen Vater. Einen Cousin. Blumen. Noch mehr Männer, die in meiner Sprache, die ich nicht sprechen kann, über sein wichtiges Leben reden. Bizarr. Traurig. Einsam.

Ja. Ich habe das Recht zu trauern. Und er hat ebenso ein verdammtes Anrecht darauf, dass ich um ihn weine.

 
Juni 7th, 2010 Allgemein | 2 Comments
 
 

Willkommen im 21. Jahrhundert. Falls ihr schon länger als nur fünf Minuten wach seid und schon mit irgendwelchen Medien konfrontiert wurdet, werden meine verehrten Leserinnen und Leser bestimmt mitbekommen haben, dass Polens Präsident Lech Kaczynski sich samt Gattin und 87-köpfiger Delegation mit seiner Tupolev im russischen Smolensk in den Boden gebohrt hat.

Unabhängig davon, was ich von der Politik des Kaczynskis halte, ist das tragisch. Der Tod keines Menschen ist schön, egal wie er im Leben war und was er verbrochen hat – sonst wäre ich ja eine fröhliche Befürworterin der Todesstrafe. Leben ist wertvoll, jemand hat diese Menschen geliebt, mit ihnen gelacht und sie werden sicherlich einen großen leeren Platz hinterlassen.

Medialer Umgang mit dem Tod des polnischen Präsidenten

Aber ich bin nicht für Trauerarbeit hier. Als ich eben – zugegebener Maßen noch halb im Tiefschlaf – auf der Suche nach Nachrichten durch die Kanäle zappte und bei N24 landete, traf mich der Anblick der auf Schleife laufenden Bilder irgendwie unvorbereitet. Nicht das es besonders entsetzlich wäre…  Bäume, Matsch und verbogenes Metall. Aber die Maschine ist um 8.50 Uhr MESZ verunglückt. Gerade mal zwei Stunden später werden mir hier in Europa Bilder von hektisch umherrennenden russischen Feuerwehrmännern und die Absturzstelle in Nahaufnahme gezeigt. Dort sieht man Rauch, da einige Fetzen in den Bäumen, irgendwelche Menschen stolpern umher, Feuerwehrmänner versuchen Flammen im auseinandergebrochenen Flugzeug zu löschen, Wrackteile sind zu sehen. Die Kamera zoomt näher an Einzelteile heran, irgendwas unangenehm rötliches ist zu sehen, nicht genau erkennbar was, aber das Gehirn spielte eine Sekunden lang einen entsetzlichen Streich und mir wird schlagartig in meiner Nachrichten- und Mediengeilheit bewusst: da liegen Menschen. Oder besser gesagt: Irgendwo in diesem immensen grauen Matschhaufen liegen jetzt menschliche Versatzstücke. Puzzelteile. Auch wenn das nicht erkennbar ist, die Leichenteile der Opfer werden die innerhalb von zwei Stunden wohl kaum da rausgefummelt haben. Ich habe – allen Göttern sei Dank – noch nicht so viele Flugzeugabstürze und deren Berichterstattung mitbekommen, aber sind diese Bilder normal? Mir dreht sich sanft der Magen um und aus meinem Mund blubbert es nur leise “Aber das können die doch nicht zeigen!” – Doch können sie. Wenn es blutet – halt drauf. Das bringt Quote. Das wollen die Zuschauer sehen. Und du gehörst dazu. Würg.

Gerahmt wird das ganze von heruntergeblubberten inhaltsleeren Nachrufen und dem Telefonbericht eines Reporters, der die tiefe Männerverbindung Lech Kaczynskis zu Guido Westerwelle beim Kaffeetrinken analysiert. Ja danke auch… Ich geh dann mal kotzen.

 
April 10th, 2010 Allgemein | 7 Comments
 
 

Eben kam ein Hilferuf über die Mailinglisten. Solltet ihr also in NRW wohnen oder Leute dort kennen, bitte mobilisiert die. Das System sorgt leider dafür, dass kleine und neue Parteien es nicht gerade leicht haben zur Wahl zugelassen zu werden.

“SOS!

Es kam gerade folgender Notruf über die Vorständeliste :

Den Piraten in NRW fehlen 4 Tage vor Schluss
noch 350 Unterstützungsunterschriften, um einigermaßen sicher
zur Landtagswahl zugelassen zu werden.

Die Piraten in NRW schaffen es nicht alleine diese
Unterstützungsunterschriften zu erhalten.

Jeder von Euch kennt jemanden der in Nordrhein-Westfalen wohnt:
Einen Verwandten, Bekannte, einen Studienkollegen, einen Ex-Freund
einen Schulkameraden von früher, eine alte Urlaubsbekanntschaft.

Bitte ruft diese an, mailt diese an und bittet Sie ganz herzlich

1.) Formular auszufüllen ( zu finden unter
http://wiki.piratenpartei.de/images/9/9e/Unterst%C3%BCtzungsformular_Landtagswahl_2010.pdf )

2.) damit im Original zum Einwohnermeldeamt zu gehen und sich dies
bestätigen zu lassen und es

3.) an Piratenpartei Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen,
Postfach 103041, 44030 Dortmund senden

4.) Sendet eine sinngemäße Mail bitte über Eure Landeslisten.

Die Zeit ist knapp.
Der Weg kompliziert.
4 Tage.
Es geht um alles.”

 
März 19th, 2010 Allgemein | No Comments
 
 

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser  (ja, das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen ;-)) meines Blogs.

Ich habe heute Abend eine Mail von Lena “Leena” Simon erhalten.  Sie spricht mich darin auf meinen Blogbeitrag über die LMVB und besonders auf nachfolgendes Zitat an:

“Ich empfand es auch mehr als nur ein bisschen strange, dass die Initiatorin zwar auf der LMVB auftauchte, da scheinbar hübsch in die Kameras lächelte und wohl Interviews gab, aber Gespräche mit anderen Piraten und explizit auch mit verwirrten Piratinnen, für die sie ja medienwirksam streitet, offen ablehnte.”

Ihrer Empfindung nach ist dies eine “Lüge” und sie bittet mich deswegen um Korrektur. Deswegen jetzt dieser Beitrag von mir – ich versuche ihre Beschreibung möglichst korrekt wiederzugeben. Ihre Mail ohne Erlaubnis zu zitieren fände ich etwas unhöflich. Lena schreibt mir, dass sie gesprächsbereit war, mit vielen gesprochen hat und selbst verwundert war, nicht von Kritikerinnen und Kritikern angesprochen worden zu sein. Sie erinnert sich an einen einzelnen Vorfall, wo sie darauf verwiesen hat, dass sie jetzt zu ihrem kranken Hund an ihrem Sitzplatz wolle und dort gerne bereit für weitere Diskussionen sei.  Andere Darstellungen des Geschehens empfindet sie als Unterstellung, meinen Beitrag als falsches Streuen von Informationen.

Soviel dazu. Nach dieser Mail habe ich mir erstmal einen Tee gekocht und dann die Piratin angerufen, die mir auf der LMVB von ihrem Erlebnis berichtet hatte, um die Situation nochmal zu verifizieren. Diese Frau ist eine langjährige gute Freundin von mir, mit der ich auf der LMVB viel über Leena und die Piratinnen gesprochen habe. Sie war und ist – als Frau und Pirat – ziemlich betroffen durch Vorfälle und Vorgehen bei der ganzen Piratinnen-Mailingslisten-Pressemeldungs-Sache. Ich habe sie in all den Jahren immer als grundehrlichen Menschen erlebt und keinerlei Grund an ihrer Darstellung zu Zweifeln. Sie ging zu Lena hin, bat um ein klärendes Gespräch zum Thema “Piratinnen”, woraufhin eine ablehnende Reaktion erfolgte.

Ich lasse  jetzt mal der Fairness halber beide Aussagen einfach so stehen. Mögen die, die hier zufällig vorbei irren, ihren Nutzen daraus ziehen und sich selbst ein Urteil bilden. Ich hoffe ich konnte die ganze Situation ohne Polemik oder zu große persönlicher Wertung darstellen. Sorry, falls mir das nicht ganz gelungen sein sollte – ich versuche nur ein weiteres Schlachtfeld, das bestimmt sehr leicht in nen Kindergartenkrieg ausgleiten kann, zu vermeiden.

Liebe Grüße

Shermin

 
März 9th, 2010 Allgemein | 2 Comments
 
 

Nur kleines, alltägliches Gefasel gegen Ende der Woche. Wir sehen – so richtig hübsch spießbürgerlich – gerne mal am Sonntag Abend einen Krimi. Allerdings keinen Tatort, sondern “Inspector Barnaby” im Original “Midsomer Murders”. Diesmal starb ein nervtötender Koch einen spontanen und äußerst dekorativen Tod in einem riesigen Topf Gazpacho. Wer nicht weiß was das ist:  bei Gazpacho handelt es sich um eine spanische Spezialität. Quasi eine Sommersuppe. Frische Tomate, Paprika, Gurke, Brot und anderes leckeres Gezeugs werden püriert, nicht (!) gekocht und dann serviert. Geht natürlich nicht mit unseren holländischen Wassererzeugnissen.

Jedenfalls verfolgt mich seitdem dauernd der Gedanke: Was hat der fiktive Tote wohl in der letzten Sekunde gedacht, bevor die Lichter endgültig ausgingen? Mir spukt – frei nach Goethe – ständig dieser Satz im Kopf herum: “Arghhhhgurgel… Salz! Mehr Salz!” (Ok, ist ja gut… ich geh dann mal nen Kaffee kochen und echte Gehirnzellen anwerfen. *hüstel*)

 
Februar 25th, 2010 Allgemein | No Comments