Posts Tagged ‘ 8. März ’

Ich arbeite ja auch als Foodbloggerin. Im Zuge dessen bin ich irgendwann in diversen Datenbanken diverser Agenturen gelandet und werde mit Pressematerial und der Bitte um Berichterstattung versorgt. So weit – so normal.

Heute landete eine Mail in meinem Postfach, die ich interessiert las. Eine Berliner Stiftung, die 2011 gegründete wurde, sich „Female Leadership“ auf die Fahne geschrieben hat und viele tolle und spannende prominente Frauen auflistet, plant im Vorfeld des Frauentages ein Event, um Geld für ein cooles Refugee-Projekt für Frauen und deren Kinder in Berlin zu sammeln. Unterkoffeiniert scrolle ich mit einem übernächtigten Auge durch das PDF, nicke erfreut als ich über die Ziele lese (weltweite Projekte im Bereich Bildung, Gesundheit und Schutz von Mädchen und Frauen, Hilfe zur Selbsthilfe, 100% Spendenweitergabe),  und pfeife mental durch die Zähne, als ich beeindruckt die Namen der Promifrauen lese – eine Melange aus 10 Publizistinnen, Künstlerinnen, Moderatorinnen, Motorsportlerinnen, (Ex-)Chefinnen von Softwareunternehmen,  Models und Unternehmerinnen, die am 4.3. in Berlin zusammenkommen sollen, um unter der Schirmherrschaft der Schweiz Rösti zu braten.

Wait… um bitte was?! Ich springe hektisch zum Anfang des Pressetextes zurück. Kochen? Für den Weltfrauentag? Nee.. kannnjanichsein, also das würde doch niemand…! Da muss ich mich doch verlese…- Mein Blick saugt sich am ersten Absatz fest: „Anlässlich des Weltfrauentages am 08.03.2016 kochen zehn prominente Frauen unter Schirmherrschaft der Schweizer Botschaft die Schweizer Kartoffelspezialität…“ Urgs.. kein Scherz. Nicht verlesen. Die meinen das tatsächlich im Ernst.

Weib! Zurück an den Herd!

Die Idee für dieses Projekt Geld zu sammeln ist ja schön, die – mir bis dato gänzlich unbekannte – Stiftung und deren Sinn ist wunderbar. Aber das Mittel zum Zweck? Rösti-Braten anlässlich des Frauentages? Was steht denn da für eine Aussage dahinter? Was wird damit wieder für unsere Gesellschaft inhaltlich alles mitgesendet? „Frauen* zurück an den Herd!“? Warum nicht gleich: „Putzen für den Weltfrieden“? Oder direkt ein „Stepford Wives-Contest“? Und dann noch mit 3 Männern zur Bewertung in der 9köpfigen Jury. Wie schrieb mir eine andere Foodbloggerin heute mit bitterem Unterton dazu auf Twitter: „Es geht doch nichts über die natürliche Ordnung.“ (Dass ich nur 2 Woman of Color insgesamt ausmachen kann, steht dann auch nochmal auf einem anderen Blatt…)

Frauen haben es in dieser Welt scheiße schwer. Und dann findet diese Stiftung, die für Geschlechtergerechtigkeit eintritt, tatsächlich 10 herausragende Frauen, die in ihrem Gebiet brillieren. Und macht was? Steckt sie in Schürzen und stellt sie an die Bratpfanne. Um Kartoffelspezialitäten zu brutzeln. Und das, um den Tag zu begehen, der für Gleichberechtigung, Emanzipation und die Rechte der Frauen steht. Frauen, die sich seit Ewigkeiten prekär für ihre Familien totputzen und -kochen. Das ist so dermaßen absurd, so kleinmachend und reduzierend, dass man es kaum fassen kann und das Begreifen nur langsam durch die Großhirnrinde sickert. Das hätte sich kein erzkonservativer misogyner Komiker zum Thema „Rolle der Frau“ und „die drei K“ besser ausdenken können. Clara Zetkin rotiert wahrscheinlich gerade in ihrem Grab.

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Kochen, Backen, Braten, Dinge geradezu magisch in göttliches Essen zu verwandeln.  Es ist Teil meines Berufes, aber „Female Leadership“ zum Frauentag (!) dazu zu bringen sich an den Herd zu stellen, läuft irgendwie am Sinn dieses Tages elementar vorbei, reproduziert die gängigen Rollenklischees – aus denen wir ja gerade noch versuchen zu entkommen – und ist aus feministischer Sicht mehr als nur etwas verstörend. Gut gemein ist halt manchmal die kleine Schwester von Scheiße. Schade drum. Sehr, sehr, sehr. :/

Mehr zu diesem Event findet sich auf der Webseite von Astraia, auf Twitter und in ihrem FB-Profil.

 
März 2nd, 2016 Berlin speziell, Menschen | No Comments
 
 

Liebe Frauen auf der Welt, ich habe euch etwas mitgebracht: einen großen Strauß virtueller roter Nelken.

Heute jährt sich der, unter starker Initiative von Clara Zetkin ins Leben gerufene, Tag „für die Rechte der Frauen und den Weltfrieden“ in seiner Gründung zum 100. Mal. Aber Tante Wiki kann das historisch bestimmt besser erklären als ich. Das Goethe Institut veranstaltet anlässlich dieses Jubiläums heute eine Konferenz in Kopenhagen und lädt zu einer Retrospektive ein.

Weltfrauentag? Wozu?

Als Kind konnte ich mit dem Frauentag eher wenig anfangen. Was soll ich feiern? Mich selbst? Meine Gebärmutter? Mein Blut? Das undefinierbare „Weiblichsein“? Auch das Wortungetüm „Frauenrechte“ entzog sich mir früher. Ich war sicher eingebettet in meiner Familie, fühlte mich nie diskriminiert, durfte immer das tun was ich wollte – oder empfand es zumindest so.  Ich wusste nichts von Misshandlung, Beschneidung, Gewalt, Mutlosigkeit, Ungleichheit, gesellschaftlicher Gefangenschaft, zweierlei Maß.

Unvorstellbar war es für mich, dass Frauen jemals nicht frei wählen durften, dass sie unter einer Oberherrschaft standen, ihrem gesetzlichen Vormund Rechenschaft ablegen mussten, nicht arbeiten durften, dass sie einfach nicht zählten, allenfalls einen Wert als Gebärmaschine oder hinter Glas gesetzte, mit Wohlwollen betrachtete, überzüchtete Blume hatten, und doch so viel leisteten.

Heute – und auch nachdem ich eine kampffeministische Phase in meiner Pubertät hinter mir habe 😉 – sehe ich etwas klarer und die brüchige Verbindung zu diesem Tag ist etwas fester. Feiern…? Nunja. Eher Erinnerung. Mahnung. Wachrütteln. Erweisen von Respekt und Achtung. Erhalten ebendieser. Öffnen von Augen. Den brennenden Blick zielgerichtet auf die Fehler und Ungerechtigkeiten dieser Welt lenken. Absichtlich den Finger in die Wunde legen, sehnden Auges und streitbar noch etwas Salz hineinreiben, damit kein trügerischer Frieden darüber wuchern kann.

Vergessen sollte man dabei allerdings auch nicht, dass vieles von dem, was mir heute an veralteten Ansichten, über das, was Frauen tun oder wie sie sein sollten, entgegenschallt, tatsächlich von anderen Frauen entgegengebracht wird. Und ich habe dabei gelernt: auch kultureller Fortschritt kann sich zum Zwang auswachsen und die persönliche Entfaltung beschneiden.

Ich bin dankbar, dass es vor mir Frauen gab, die für unsere Rechte gestritten haben. Ich will euch sagen, dass ich euch sehe. Ebenso wie diejenigen, die auch heute noch – auf den unterschiedlichsten Schauplätzen – kämpfen. Ich bin dankbar, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die mir als Mädchen hier geboten wurden. Und so sehr ich die Kultur meines Vaters schätze, ihn liebe und wahrscheinlich auch dort die Chance bekommen hätte zu studieren – ich bin verdammt dankbar, dass ich nicht im Irak meinen bisherigen Lebensweg zu gehen hatte. Danke, dass ich es als selbstverständlich ansehen darf frei zu wählen und zu tun was ich will.

Eine Frau

 
März 8th, 2010 Alltag, Menschen | 1 Comment