Posts Tagged ‘ Berlin ’

Ich arbeite ja auch als Foodbloggerin. Im Zuge dessen bin ich irgendwann in diversen Datenbanken diverser Agenturen gelandet und werde mit Pressematerial und der Bitte um Berichterstattung versorgt. So weit – so normal.

Heute landete eine Mail in meinem Postfach, die ich interessiert las. Eine Berliner Stiftung, die 2011 gegründete wurde, sich „Female Leadership“ auf die Fahne geschrieben hat und viele tolle und spannende prominente Frauen auflistet, plant im Vorfeld des Frauentages ein Event, um Geld für ein cooles Refugee-Projekt für Frauen und deren Kinder in Berlin zu sammeln. Unterkoffeiniert scrolle ich mit einem übernächtigten Auge durch das PDF, nicke erfreut als ich über die Ziele lese (weltweite Projekte im Bereich Bildung, Gesundheit und Schutz von Mädchen und Frauen, Hilfe zur Selbsthilfe, 100% Spendenweitergabe),  und pfeife mental durch die Zähne, als ich beeindruckt die Namen der Promifrauen lese – eine Melange aus 10 Publizistinnen, Künstlerinnen, Moderatorinnen, Motorsportlerinnen, (Ex-)Chefinnen von Softwareunternehmen,  Models und Unternehmerinnen, die am 4.3. in Berlin zusammenkommen sollen, um unter der Schirmherrschaft der Schweiz Rösti zu braten.

Wait… um bitte was?! Ich springe hektisch zum Anfang des Pressetextes zurück. Kochen? Für den Weltfrauentag? Nee.. kannnjanichsein, also das würde doch niemand…! Da muss ich mich doch verlese…- Mein Blick saugt sich am ersten Absatz fest: „Anlässlich des Weltfrauentages am 08.03.2016 kochen zehn prominente Frauen unter Schirmherrschaft der Schweizer Botschaft die Schweizer Kartoffelspezialität…“ Urgs.. kein Scherz. Nicht verlesen. Die meinen das tatsächlich im Ernst.

Weib! Zurück an den Herd!

Die Idee für dieses Projekt Geld zu sammeln ist ja schön, die – mir bis dato gänzlich unbekannte – Stiftung und deren Sinn ist wunderbar. Aber das Mittel zum Zweck? Rösti-Braten anlässlich des Frauentages? Was steht denn da für eine Aussage dahinter? Was wird damit wieder für unsere Gesellschaft inhaltlich alles mitgesendet? „Frauen* zurück an den Herd!“? Warum nicht gleich: „Putzen für den Weltfrieden“? Oder direkt ein „Stepford Wives-Contest“? Und dann noch mit 3 Männern zur Bewertung in der 9köpfigen Jury. Wie schrieb mir eine andere Foodbloggerin heute mit bitterem Unterton dazu auf Twitter: „Es geht doch nichts über die natürliche Ordnung.“ (Dass ich nur 2 Woman of Color insgesamt ausmachen kann, steht dann auch nochmal auf einem anderen Blatt…)

Frauen haben es in dieser Welt scheiße schwer. Und dann findet diese Stiftung, die für Geschlechtergerechtigkeit eintritt, tatsächlich 10 herausragende Frauen, die in ihrem Gebiet brillieren. Und macht was? Steckt sie in Schürzen und stellt sie an die Bratpfanne. Um Kartoffelspezialitäten zu brutzeln. Und das, um den Tag zu begehen, der für Gleichberechtigung, Emanzipation und die Rechte der Frauen steht. Frauen, die sich seit Ewigkeiten prekär für ihre Familien totputzen und -kochen. Das ist so dermaßen absurd, so kleinmachend und reduzierend, dass man es kaum fassen kann und das Begreifen nur langsam durch die Großhirnrinde sickert. Das hätte sich kein erzkonservativer misogyner Komiker zum Thema „Rolle der Frau“ und „die drei K“ besser ausdenken können. Clara Zetkin rotiert wahrscheinlich gerade in ihrem Grab.

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Kochen, Backen, Braten, Dinge geradezu magisch in göttliches Essen zu verwandeln.  Es ist Teil meines Berufes, aber „Female Leadership“ zum Frauentag (!) dazu zu bringen sich an den Herd zu stellen, läuft irgendwie am Sinn dieses Tages elementar vorbei, reproduziert die gängigen Rollenklischees – aus denen wir ja gerade noch versuchen zu entkommen – und ist aus feministischer Sicht mehr als nur etwas verstörend. Gut gemein ist halt manchmal die kleine Schwester von Scheiße. Schade drum. Sehr, sehr, sehr. :/

Mehr zu diesem Event findet sich auf der Webseite von Astraia, auf Twitter und in ihrem FB-Profil.

 
März 2nd, 2016 Berlin speziell, Menschen | No Comments
 
 

Deutschland ehrt Wladimir Putin mit dem Quadriga-Preis und gibt sich gleichzeitig der Lächerlichkeit preis. Auf der Homepage liest man ganz allgemein über die Ziele und Philosophie der Preisvergabe: „Wir ehren Werte. […] Die Quadriga ist all jenen gewidmet, durch deren Mut Mauern fallen und deren Engagement Brücken baut. Die Quadriga würdigt Persönlichkeiten und Projekte, deren Denken und Handeln auf Werte baut. Werte brauchen Visionen. Werte brauchen Mut. Werte brauchen Verantwortung. Die Quadriga würdigt Vorbilder. Vorbilder für Deutschland und Vorbilder aus Deutschland.“ Das diesjährige Motto ist übrigens „Leadership“. (Quelle: Die Quadriga)

Ja geil. Jeder des denkens fähige und gehirntechnisch wache Mensch packt sich bei der Verkündung dieses unwürdigen Preisträgers mehr als nur leicht entsetzt an den Kopp. Und unser aller Leader Putin grinst sich bestimmt gerade ins Fäustchen. Mit genug verdrehtem und korrumpierten Geist kann man sich lebhaft vorstellen welche Visionen Putin wohl verantwortungsvoll hegt, worauf er kämpferisch seinen Mut ausrichtet und welche weiteren (Gesetzes-)Mauern er wohl einzureißen gedenkt.

Auch ganz wunderbar, welch glorreiches Signal Deutschland damit setzt. Die politisch Verfolgten, Entrechteten und Ermordeten im ach so „lupenrein“ demokratisch organisierten Russland wird es bestimmt freuen zu hören, dass wir die Werte, für die Putin steht, so kraftvoll unterstützen und preisen. Das wirft ein sehr erhellendes Schlaglicht auf die politischen Wege und Ambitionen Deutschlands.

Vorhin habe ich einen genialen Kommentar hierzu auf Radio Eins gehört, wo die vorbildhaften Ideale Putins mit der Anfangszeit des 1000jährigen Reiches verglichen wurden.

Danke. Nicht mit mir. Nicht als Leader. Und erst recht nicht als Führer.

Kleiner Nachtrag: Von Cem Özdemir, einem der Kuratoriumsmitglieder der Quadriga, gibt es inzwischen eine Stellungnahme zur Ehrung Putins und die Mitteilung, dass er (Özdemir, leider nicht Putin ;-)) sein Amt niedergelegt hat.
 
Juli 12th, 2011 Berlin speziell, Politisch | 1 Comment
 
 

Mir ist gerade aufgefallen, dass die Berlin-Kolumne vor zwei Tagen – am 26.08.  –  Geburtstag hatte und ein ganzes Jahr alt wurde. Happy Birthday to me also irgendwie. Und Happy Birthday für meine heißgeliebte Dornröschen-Berlin-Kolumne.

Anlässlich dieses Datums gibt es als Geschenk eine kleine Liebeserklärung an die Stadt. Sie ist vielleicht ein wenig angelaufen, schmuddelig und hat ein paar Macken (die Erklärung, nicht die Stadt, obwohl das auf sie auch zutrifft), kommt aber aus tiefstem Herzen… 😉

Meine beste Freundin wohnt ja leider nicht in Berlin, sondern irgendwo im tiefsten BaWü. Mehrfach im Jahr verirrt sie sich aber netterweise zu uns. Und falls wir uns dann mal gerade nicht spätrömischer Dekadenz auf dem Sofa hingeben und exzessiv gammeln, die Küche zwecks Koch- & Backorgien überfallen, die Cidre-, Gin- oder Absinth-Vorräte dezimieren oder in tiefsinnige Gespräche beim subversiven Stricken und Spinnen vertieft sind, bewegen wir uns auch mal in der Außenwelt. Fast jedes mal ist sie dann – obwohl eine mehr als toughe Frau – durch irgendwelche Mitberliner verwirrt oder verschreckt, die ihr in den Weg taumeln oder blöde Sprüche reißen und betont dann, dass sie niemals hier leben könnte.

Berlin. Kreischender Schmelztigel – zwischen Glas, Stahl, Ruinen & Abfall.

Zuviel, zu laut, zu freaky. Berlin ist eine Stadt voller Extreme. Voller massiver Gegensätze. Steigt man aus dem dunklen Bauch der Stadt via U-Bahn heraus, weiß man nie, was einen erwartet: Gläserne Stahlpaläste & moderne Spannbeton-Tempel – durchgestylt bis zur letzten perfekt platzierten und auf Hochglanz polierten Granitfliese – prallen auf direkt daneben liegende verwesende, zugewucherte Baubrachen. Wer aufmerksam hin sieht, darf Berlins Schönheit im verrottenden Verfall erblicken:  romantisch dahinbröckelnde Ziegelsteinruinen, eine Birke, die geradlinig durch ein zerborstenes, feuergeschwärztes Dach strebt. Schmiedeeiserner Rost, der in den Himmel wächst und den Zugang zu geheimen Wegen verheißt, müllverhangene Fensterhöhlen und aufgegebene Erde – (scheinbar) vergessene Orte in Berlin, die in mir unweigerlich die Frage auslösen: Was für ein Platz warst du früher? Welche Menschen haben hier ihr Leben gelebt? Warum bist du aufgegeben?
Genauso kann man natürlich auch auf herausgeputzte Altbauten treffen – hoffentlich ohne Pfusch. Quasi das Bindeglied zwischen altem Bau, Moderne, architektonischer Kunst, restauriertem Stuck und natürlich zeitgemäßer Bequemlichkeit.

Das alte Berlin?

Obwohl ich in einem sanierten Altbau (leider ohne dem obligatorischen Stuck, dafür mit dämlich abgehängten Decken) lebe und ihn mir gezielt aussuchte, sind mir die verschrobenen Orte an Berlin mit das Liebste und Sympathischste. Ich muss verliebt lächeln, wenn ich mit der quietschenden, vollgestopften S-Bahn an den zusammengestoppelten Schrebergärtchen mit den kleinen Datschen vorbeitingele. Bei aller Verzauberung für die schmutzige Magie der großen Stadt, bei allem freigiebigen Mitleid, Begeisterung  und jeder vergebenen Münze hat mir Berlin aber auch (über)lebensnotwendiges beigebracht. Schultern zeigen, sich auch in Rücksichtslosigkeit üben, Vorsicht bei Vertrauen walten lassen. Ich fürchte, ich bin als all zu soziales Schäfchen erzogen worden. Meine Vertreibung aus dem Paradies fand zwar auch schon vorher statt, aber dennoch ist es vielleicht ganz gut, dass Berlin mir eine lebensnotwendige Prise Misstrauen mitgab und mir gefährliche Naivität austrieb. Zum Teil jedenfalls. 😉

Standortbestimmung – Wurzeln schlagen

Am Anfang ging es mir hier ähnlich wie meiner Freundin. Sogar sehr viel schlimmer. Ich war verschreckt von der Größe und den wahnsinnigen Gegensätzen, die hier aufeinanderprallen. In den ersten Wochen nach meinem Umzug fühlte ich mich leer, unverwurzelt, ausgerissen, hin- und hergeworfen, allein. Ich (ver-)zweifelte,  fiel mental regelrecht in ein Loch, taumelte orientierungslos umher, fühlte mich, als ob ich alles wie unter tiefem Wasser wahrnehmen würde. Phasenverschoben, unecht, beängstigend. Eine Freundin nahm mich damals bei der Hand. Sie war zu Besuch und genauso überwältigt, fühlte sich vielleicht noch kleiner als ich. Doch zu zweit kann man sich aneinander anlehnen, sich helfen die Augen zu öffnen, zu begreifen und lachend zu seiner Stärke finden. Allein weil sie da war, war ich für uns beide doppelt stark. Gemeinsam erkundeten wir „meinen“ Kiez. Auch die Arbeit in meinem Hinterhofgarten trug nicht unwesentlich dazu bei, dass ich zeitgleich mit meinen tief, in der von mir bezahlten und hier ausgebrachten Erde, eingegrabenen Pflanzen hier langsam Wurzeln schlug.

Lebenshunger – ein Biss Großstadt gefällig?

Und heute? Man soll ja niemals nie sagen. Ich bin eigentlich meist ein ruhiger Mensch. Manchmal extrovertiert, sicherlich irgendwie besonders, Dauerparty benötige ich nicht. Im Herzen bin ich zum Teil in Leipzig und vor allem ein Kind des tiefsten, schmuddeligsten Ruhrpotts… Meine Augen glänzen sehnsüchtig, wenn ich an den rotglühenden Abstich der Hochöfen denke, die den Nachthimmel über Duisburg wie in einem Gemälde von Caspar David Friedrich zum magischem Leuchten bringen. (Ey, wirklich!) Tiefste Heimatgefühle erwachen, wenn ich jemanden im breitesten Ruhrpott-Slang sprechen höre. Ich werde vielleicht ein wenig wehmütig, wenn ich an die Menschen, Plätze und Erfahrungen von früher denke. Aber ich vermisse nichts. Ich bereue diesen Schritt nicht. Ich habe meine Wurzeln ausgebreitet, unter dem Pflaster der Stadt wachsen lassen und sie in die Lebensadern gebohrt, die meine durstige und hungrige Seele nähren. Ich habe so viele spannende und tolle Menschen kennengelernt, so viel Freiheit erlebt, so viel Schönschrecklickes gesehen und willwillwillwill mehr! Und zwar hier. Gerne auch jetzt. Da draußen ist noch so viel, das ich kosten muss. So viele, die es vielleicht wert sind mich kennenzulernen. Hätte ich in dieser Sekunde die Wahl – ich müsste nicht überlegen, was ich wählen würde.

 
August 28th, 2010 Berlin speziell | 1 Comment
 
 

Vorsicht! Es folgt mal wieder Piraten-Content. 🙂 Letztes Wochenende war ja die LMVB. Wem das nichts sagt, hier die Aufschlüsselung: die Landesmitgliederversammlung der Piratenpartei Deutschland Berlin, die am 27. und 28.02.2010 im Meistersaal am Potsdamer Platz statt fand. Ehrlichgesagt habe ich in meinem bisherigen Leben zwar schon öfters politische Diskussionen geführt (das bleibt mit dem Nebenfach  Sozialwissenschaft/Politik/Soziologie im Studium ja nicht so ganz aus..), mich ansatzweise für die Politik und die Zukunft unseres Landes interessiert, aber nie gedacht, dass ich mal wirklich freiwillig Mitglied einer Partei sein würde.  Ein wenig ist es so, als wenn man vorher zu Sprachlosigkeit verdammt war und plötzlich das Heft eines äußerst scharfen Schwerts in die Hand gedrückt bekommt. Wen es interessiert, für den ist hier das Protokoll der Sitzung.

Copyright Cbmd

Am Samstag konnte ich leider nicht teilnehmen (dafür war mein Liebster dort und hat über Tag 1 und Tag 2 geblogt), am Sonntag glänzte ich dann aber mit meiner edlen Anwesenheit. Mein Tag begann irgendwann gegen 6.30 Uhr mit Magenkrämpfen und der  Innensansicht der Porzellanschüssel. Knapp haben wir es dann noch zur Akkreditierung geschafft, so dass ich sehr fasziniert an diesem Stück Basisdemokratie teilnehmen konnte. Geheime Abstimmungen, Liquid Feedback, formelle Gegenrede, offene Abstimmungen, leckere Brote der AG Schnittchen und jede Menge interessante Leute sind mir begegnet. Und eines habe ich gelernt: demokratische Prozesse benötigen jede Menge Aufmerksamkeit und Zeit. Ich habe ja sowas zum ersten Mal mitgemacht, war aber wirklich positiv überrascht über die Organisation, Professionalität und vor allem Andersartigkeit. (Mein Strickzeug habe ich mir aber dennoch verkniffen mitzunehmen. Das wäre für anwesende Pressevertreter wahrscheinlich ne zu große Reminiszens an die Grünen gewesen. *grinst*) Zwischendrin gings mir nicht ganz so gut und ich habe es noch geschafft mein Beinkleid mit heißem Magentee zu begießen. Das folgende Bild, auf dem mich Cbmd, der Haus- und Hoffotograf der Piraten, abgeschossen hat, und wo ich aussehe wie etwas das halb vorverdaut und wieder ausgespuckt wurde, ist dem geschuldet. Nein, ich bin nicht die nette Dame links außen, sondern die etwas matschig vor sich hin schielende Person in der Mitte. Nehmt es dennoch als Beweisfoto für meine Teilnahme an diesem historischen Tag.

Copyright Cbmd

Die Gründung der Piratinnen

Noch etwas ist untrennbar mit diesem Parteitag verbunden: die Gründung einer Mailingliste nur für Piratinnen. Für Außenstehende: Piratinnen gab es bisher nicht. Zwar gibt es natürlich bei den Piraten auch Frauen (bin ja bestes Beispiel), da man aber von  einer absoluten Gleichberechtigung ausgeht, war es bisher Konsens, dass man dafür kein eigenes Wort nutzt. Sondern allenfalls (die leicht nervige) Langversion „weibliche Piraten“.

Pünktlich zur LMVB – und natürlich dadurch auch sehr pressewirksam – hat Lena Simon nun die Piratinnen, eine Gruppierung innerhalb der Piratenpartei, mit einer eigenen Wikiseite und einer Mailingliste, ins Leben gerufen, um einen Schutzraum für in den Hintergrund gedrängte Frauen in der Partei zu schaffen.  Und als Zugabe hat sie gleich noch unauthorisiert und eigenmächtig eine Pressemitteilung dazu raus gegeben, die einen gewissen Schatten auf das vergangene Wochenende warf.

Mal ehrlich – ich gehöre zu den Frauen, die sehr gerne Piratinnen sagen/schreiben/denken würden. Ich finde es ist ein Recht, das Frauen lange verwehrt war und das gerechtfertigt ist, genutzt zu werden. Ich verstehe allerdings auch die Argumentation der Partei, ich gehe mit ihr zum Wohl der anderen konform. Mir sträuben sich allerdings bei all zu dogmatischer Bezeichnungswut die Nackenhaare und ich mag einfach selbst wählen dürfen welches Wort ich nun nutze. Ein Ausdruck ebendieser Freiheit ist ja auch meine Mitgliedschaft in der Piratenpartei.

Genderdiskussion: Pirat? Piratinnen? Pirataußen? Piratunten?

Jetzt kommt aber mein großes „aber“. Aber: der Zweck heiligt nicht die Mittel, nein, tut er einfach nicht. Denn der erstellte Schutzraum treibt erste seltsame Blüten, wie diese Piratin inzwischen feststellen durfte. Ich empfand es auch mehr als nur ein bisschen strange, dass die Initiatorin zwar auf der LMVB auftauchte, da scheinbar hübsch in die Kameras lächelte und wohl Interviews gab, aber Gespräche mit anderen Piraten und explizit auch mit verwirrten Piratinnen, für die sie ja medienwirksam streitet, offen ablehnte. Das am Wochenende auf der Mailingliste auch schon das Misstrauen so hoch kochte, dass man eine Liste in der Liste gründen wollte, wo nur echte, durch Frauen zertifizierte Frauen, reinkämen – quasi ein geheimer Super-Geheimclub – ist nicht mehr nur obskur, sondern einfach nur noch gaga zu nennen. Und mir fehlt es langsam einfach am Verständnis für diese Aktion. Also Piratinnen – gerne, ja doch. Aber muss das so sein? Indem ich meiner Partei schade und sämtliche Leute egozentrisch vor den Kopf stoße?

Das Thema brodelt vor sich hin, andere Landesverbände distanzieren sich schon irritiert und es hat einfach einen unguten Beigeschmack. Die Gefahr, dass feministische Frauenverbände – die meiner Meinung nach eine hohe Daseinsberechtigung besitzen – diese Aktion und die Empörung darauf in den falschen Hals bekommen und uns als frauenfeindlich hinstellen, ist einfach groß. Wir wissen alle, wie schnell so eine Hexenjagd iniziiert ist.

Ich fühle mich als Wesen mit Eierstöcken in der Piratenpartei wohl. Wenn ich nicht nach vorne zum Rednerpult dränge, dann nicht deswegen, weil mich ein böser, böser selbstherrlicher Mann mit seinem Testosteron zur Seite drängt und ich mich nicht geschützt fühle, sondern weil ich a) gerade nichts wirklich geistreiches zu sagen habe b) ich vielleicht zu unsicher bin und/oder c) Panik vor den ganzen Leuten habe. Und ich bin mir verdammt sicher, dass es einem Großteil der Schwanzträger da draußen garantiert genauso geht und das nichts gebärmutterspezifisches ist oder mit meinem weiblichen Hormonspiegel zu tun hat.

Und hey – vielleicht ist es einigen ja nicht aufgefallen, aber obwohl wir so wenige sind, sind drei Frauen gerade letztes Wochenende in den berliner Vorstand gewählt worden. Sonderlich unterdrückt wirkten die jetzt nicht. Vielleicht wäre ein geschlechtsunabhängiger Schutzraum für Menschen, die sich zurückgesetzt und ungehört fühlen, die richtige Antwort auf die derzeitige Problematik.

Ein Gutes hat die niedrige Frauenquote der Piratenpartei: endlich mal kein Gedränge auf dem Frauenklo. 😉

 
März 5th, 2010 Berlin speziell, Politisch | 13 Comments
 
 

Meine süßen kleinen Adventsengelchen und Mitleser, ich wünsche euch einen wundervollen Nikolaus und zweite Adventssonntag. 🙂

Foto: © Jonathan Göpfert / PIXELIO

Foto: © Jonathan Göpfert / PIXELIO

Meinereiner wurde heute schon beim virtuellen Lesen der Sonntagszeitung erheitert. Amüsiert verschluckte ich mich äußerst undamenhaft beinahe an meinem Darjeeling, als ich in der MoPo (Ja, ja, ich weiß, nicht sehr elitär, sondern springerhaft. Schande, Schande, Schande über mich..) las, dass die Berliner S-Bahn mal wieder Probleme hat.
Ich war ja total entsetzt, schockiert sozusagen – meine geliebte S-Bahn und Probleme?!? Na sowas! Sowas gab es ja noch nie! Quasi voll-koooomm-eeen überrumpelt war ich von dieser Sachlage. Wo die S-Bahn-Züge im Winter doch immer so wahnsinnig unproblematisch funktionieren.

Die arme, missverstandene Deutsche Bahn

Genauso geht es den Leuten bei der DB, die jetzt vom bösen, bösen S-Bahn-Betriebsrat ganz garstig angeranzt werden. Tsss… Jetzt sind die Funktionäre bei der Deutschen Bahn, die für die ganzen Sparmaßnahmen zuständig sind wie zum Beispiel Heizungen in S-Bahn-Weichen ausbauen, Heizungen in S-Bahn-Weichen komplett von der Wartungsliste streichen oder spezielles supertolles Schienenfett mit Billigzeugs strecken wie im 2. Weltkrieg, totaaaal überrascht und überrumpelt. Und vor allem, das ist ja alles gar nicht passiert, das halluzinieren die S-Bahner, die tagtäglich draußen auf den Schienen sind, ja alles nur und schieben es der DB nur böse in die Schuhe. Um es in der Sprache meiner ruhrpöttischen Sozialisation zu sagen: Ja nee, is klar.

Berliner S-Bahn en flambé

Ich bin gerade ganz froh, dass ich krankheitsbedingt in meinem Nest hocke und nicht via S-Bahn von Friedrichshain nach Schöneberg in die Redaktion pendeln muss. Ich bleibe hübsch hier in meinem Elfenbeinturm und betrachte aus der Ferne, wie zusätzlich zu den gefrosteten Schienen abwechselnd entweder die Fahrzeugtechnik einfriert, Türen sich nicht öffnen lassen, offen festfrieren oder S-Bahn-Wagons während der Fahrt (und voll besetzt) dann doch wieder die Türen öffnen und wie einer der „Toaster“ (so nennt man wohl eine umlackierte DDR-S-Bahn-Baureihe) mal wieder hübsch in Flammen aufgeht und mit seinem Feuerschein die auf den Bahnsteigen wartenden Horden angenehm wärmt.

Nen schönen Tag euch noch, ich hoffe ihr müsst nicht raus,

Shermin

 
Dezember 6th, 2009 Berlin speziell | No Comments
 
 

Derzeit ist es hier – krankheitsbedingt – leider ein wenig sehr ruhig. Zum Mauerfall mag ich dennoch kurz mein Mäulchen aufreißen, auch wenn ich nicht wirklich was dazu zu sagen habe. Ich war zarte zehn Jahre alt als sie fiel. Dumpf erinnere ich mich, dass meine Mutter heulte und tagelang aufgeregt war. Mein geliebter Gemahl war immerhin schon 19 und diente gerade bei der Volksarmee. Und ich habe – entgegen der anderslautenden Fernsehsprüche – gar keine Ahnung wo ich damals war. Ich schätze sehr wahrscheinlich tief schlafend in meinem grässlichen Jugendbett,  die Wange glücklich an meinen Kuschelhasen gedrückt.

Mauer_Dieter-Schütz

Und nun sitze ich hier heute Abend auf meinem Sofa, Standort ehemaliges Ostberlin, ich größtenteils sozialisiert im Westen und verliebt in eine ehemals tiefrote Socke. Deutschland und Berlin feiert und ich denke mir: es ist schon echt seltsam, welche Wendungen die Geschichte nimmt. Im Grunde ist es doch wirklich ein Treppenwitz der Geschichte – gewürzt mit einer immensen Portion Glück. Da nuschelt ein Herr Schabowski verkrampft ins Fernsehmikrofon und daraufhin stürmen tausende Bürger friedlich die Mauer – und die  seit Jahrzehnten auf Feindbild und Schießbefehl getrimmten Soldaten lassen sie passieren.  Wenn es nicht so passiert wäre, würde das wohl kaum einer glauben. Hätte ich mir diese Story für einen Roman ausgedacht, hätten die Kritiker mich wohl in Grund und Boden gestampft.

Ich hab die Stimmung als Kind ja nur mit halbem Ohr mitbekommen. Klar, da passierte „was“, meine Eltern, meine große Schwester & meine Oma – wir waren nur drei Jahre früher aus Leipzig via Irak nach Westdeutschland geflohen (ich sollte endlich einen Roman darüber schreiben… ) – waren total aus dem Häuschen. Aus den Erzählungen später habe ich aber eines gelernt: wir haben ein so dermaßen verdammt großes Glück gehabt, das wir das vielleicht gar nicht richtig fassen können. Mal abgesehen von der Frage ob die Wiedervereinigung von Ost und West nun wirklich gut war, es gab so dermaßen viele menschliche Faktoren die einfach hätten schief gehen können. Mein Mann saß während dieser Zeit in einem Munitionslager im Erzgebirge fest und hatte Ausgangssperre – zusammen mit ein paar hundert anderen hormon- und Propagandainduzierten Jungsoldaten. Die Offiziere machten rasch die Fliege und die Gerüchteküche über Angriffe des Klassenfeindes brodelten hoch. Viele waren damals darauf getrimmt und bereit ihr Vaterland mit der Waffe zur verteidigen. Pures Glück – anders kann man es nicht nennen – das nicht jemand vom Lagerkoller befallen zum MG griff und die Landesverteidigung probte. Absolutes Glück, dass bei den Grenzsoldaten in Berlin an diesem speziellen Tag keiner dabei war, der mies drauf war und deswegen den Schießbefehl verwirklichte.

Vielleicht sollten wir uns das Glück, das wir hatten, ab und an nochmal herauskramen und uns vor Augen halten, wenn wir drohen in platte Stammtischparolen zu verfallen und uns Altes herbei wünschen.

Die Euphorie von damals hat vielleicht etwas Moos angesetzt. Manchmal ist man auf seine Mitmenschen etwas gnatzig. Aber vielleicht ist das auch gut so. Die neue Generation hat vielleicht nicht diesen absolut überwältigenden Freudentaumel erlebt, dessen Schatten in manchen Fernsehbildern noch hochkocht. Sie sieht keinen fetten Spalt zwischen Ost und West mehr, im Gegensatz zu uns Alten, die ganz gerne mal hämisch was von „Duuu Osssiiiii!!!!“ oder „Vom Wessi lernen, heißt siegen lernen!“ krähen.

Mein Dank allen möglichen zuständigen Göttern, den meist gehässig grinsenden Schicksalsnornen (die sich ausnahmsweise mal beherrschten) und vor allem den Menschen. Ich denke an die Menschen die durch die Geschichte unseres Landes gebrochen wurden und an alle die Leben die mit der Wende eine ebensolche erfuhren. Auch wenn das Leben an sich nicht immer einfach ist – wir hätten es wirklich schlechter treffen können… 😉

Reichskristallnacht

Noch eine wichtige Erinnungern – heute vor 71 Jahren gab es deutschlandweit Pogrome (Ja, das Wort heißt tatsächlich „Pogrom“ und nicht „PROgrom“ – auch wenn die Berichterstattung von RTL uns das weiß machen will.)  – unter der hübsch-glitzernden Vokabel „Reichskristallnacht“ in unseren Geschichtsbüchern bekannt geworden. Ungezählte Menschen wurden von ehemaligen Nachbarn und Freunden aus ihren sicheren Betten gerissen, in Konzentrationslager verschleppt, Geschäfte und Wohnungen verwüstet und geplündert, circa 400 ermordet.  Tante Wiki hat dazu einen ausführlichen Artikel: Reichspogromnacht.

 
November 9th, 2009 Berlin speziell, Menschen, Politisch | No Comments
 
 

Hab ja ganz vergessen euch drauf hinzuweisen. Asche auf mein königliches Haupt! Wir gucken es schon den ganzen Abend – knappe sechs Stunden könnt ihr bei diesem genialen TV-Projekt (läuft derzeit auf Arte und dem RBB) 24hBerlin noch lustvoll in die berliner Seelen spannen, euch mit- schämen, -verlieben, -hoffen, -sabbern, -entsetztsein, -lachen, -weinen, -einsamsein, -gerissen werden.

Verpasst? Guckt in die Mediathek.

 
September 6th, 2009 Menschen, Monster - Mumien - Mutationen | No Comments
 
 

Mittelaltermarkt_HellersdorfVoller Freude haben wir das Plakat vor ein paar Tagen gesichtet –  skeptisch wurden wir dann, als wir bei der Internet-Recherche die Örtlichkeit ausfindig machten. Mitten in Hellersdorf – für Nicht-Berliner: „Bahh nää, mitten in der Platte!“, wie eine gute Freundin es so hübsch zum Ausdruck brachte.

Etwas desillusioniert aber marktwillig fuhren wir dann diesen Samstag da hin. Die U-Bahn hält ja quasi direkt vor unserem Haus und fährt durch, der Eintritt war frei und bei der Monatskarte meines Mannes konnte ich umsonst mitfahren – also keine Ausgaben, die ich der Veranstaltung im Vorfeld negativ anlasten konnte.

Zwischen Neubauten und ein paar kümmerlichen Bäumen war dann der Großteil des Marktes gequetscht. Wobei „Mittelaltermarkt“ hier ein  eher euphemistischer Ausdruck ist. Eine Bühne, ein mickriger Keramikstand, ein Stand mit Schmuck (und einem netten Verkäufer), ein paar notorisch überteuerten Klamotten, Lederkrimskrams, Filzketten (?), 5 Fress- und Saufstände (Ich bin ja nun trotz Geschichtsstudium wirklich kein historisch korrekter Korinthenkacker, aber bei frittierten Kartoffel-Schnitzen und China-Pfanne zucke ich schon ein wenig zusammen.), dazwischen und auf einem freien Gelände nebenan zig Stände zum Verticken von Holzschwertern und schickem hölzernen Spielzeug wie Dolchen, Hellebarden, Schilden oder artig-brave Morgensternen. Und da glaubt ein Großteil der Gesellschaft wirklich die mediale Mär, dass unsere braven Kinderlein ja nieeeee mit Waffen spielen würden und durch die bösen modernen Videospiele total unnatürlich verdorben sind. Ja ne, is klar. Der Fall liegt hier ja auch ganz anders, weil – das Zeug ist ja aus Holz und damit automatisch pädagogisch wertvoll, ne?

Für die großen Jungs und Mädels gabs dann noch die obligatorische Schmiede mit Schwertern und anderem schicken Klingenzeugs. Mittendrin amüsierte sich der Plebs. Wie sagte mein Mann so schön: „Mittelaltermarkt! Eine hervorragende Methode um halb Hellersdorf anständig zu bewaffnen!“

Insgesamt war der Markt also eher so wie ihn sich der durchschnittliche Prolet, der sich gerne in schwarze Kunstledermäntel samt Tribal-bedrucktem T-Shirt und möglichst protzigem Drachenanhänger aus Billigmetall hüllt, vorstellt. Aber ich will nicht unfair sein. Ja, ich habe schon bessere Märkte gesehen, aber man merkte er war vom Veranstalter schon ganz liebevoll zusammengestellt. Vor allem war er günstig – ich zog jedenfalls glücklich mit einer neuen handgetöpferten Tasse (ja, ich gestehe, ich habe eine uncoole Affinität zu Keramik) und zwei Paar sehr günstigen Silber-Ohrringen (Mein arabisches Blut zwingt mich zum Feilschen, ich kann da nix für! Auch wenn mein urdeutscher Mann sich dann peinlich berührt abwendet.) von dannen. Die üppigen Apfelkrapfen à 2 Euro und das Glas Met à 2,50 Euro waren weit unter dem, was mir auf anderen Abzock-Märkten schon begegnet ist.

Auf dem Rückweg beglückte uns im übrigen ein  ca. 3 jähriges Mädel im Kinderwagen wiederholt mit Tourette-Syndrom-artigen spitzen Kreischanfällen sobald sie sich zu langweilen schien. Ich mag Kinder. Eigentlich. Aber diese Brut schrie von jetzt-auf-gleich wirklich so, als ob man ihr mal eben einen glühenden Haken in die Eingeweide gerammt hat. Die Mutter ignorierte das weitgehend und unterhielt sich weiter mit ihrem Lebensabschnittsgefährten (im schicken Ed Hardy-Replikat *uärrrgh*), tätschelte höchstens belohnend den Kopf des Kindes, das sich daraufhin kurz beruhigt, um dann im nächsten Moment der Nichtbeachtung wieder Schreie anzustimmen. Man ist als Berliner ja viel gewöhnt, aber die Tonlage war echt unglaublich und ließ den gesamten Wagon entnervt zusammenzucken. Ich glaub ich mach ne neue Kategorie auf: nervige Bälger.

Im Endeffekt war es keine vollkommen verschwendete Zeit, dennoch war ich ganz froh, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit da weg waren – sonst würden sich unsere Organe wahrscheinlich inzwischen auf dem russischen Schwarzmarkt befinden oder so.

 
August 30th, 2009 Berlin speziell, Monster - Mumien - Mutationen | 3 Comments
 
 

Ich neige langsam zu Verschwörungstheorien. Die netten Herren von der Post/Hermes/DPD/passenderVersandservicehierbitteeinsetzen klingeln immer, aber wirklich immer dann, wenn ich gerade a) unter der Dusche stehe oder b) in Unterwäsche durch die Wohnung hetze.

So auch heute – gerade gereinigt der Dusche entstiegen, wickle ich meine Haare in ein Handtuch und poliere meine Brille. Es klingelt. Natürlich. Warum ich wirklich in Erwägung zog zur Tür zu gehen? Weil mein Mann in der Außenwelt Nahrungsmittel fürs Wochenende jagen war und dazu neigt seinen Schlüssel zu vergessen.

Resigniert wickelte ich also meinen göttinnengleichen Körper in den Satin-Fetzen, aka einzig auffindbarer Morgenmantel in Greifweite, und stürmte gen Wohnungstür und Gegensprechanlage.

Natürlich war es nicht mein Mann, sondern ein verwirrter Postbote. Und natürlich quäkte er wie ein verlorenes kleines Schaf (das ist Masche bei denen!), ob ich zuuufällig auch noch was für andere Leute im Haus annehmen kann. Der ewige Fluch von Freiberuflern die Parterre wohnen.

Naja, denke ich mir, das geht ja rasch, sind schon keine Nachbarn im Innenhof unterwegs. Öffne die Türe und pralle samt Handtuchturban fast gegen eine ungeliebte Nachbarin, die gerade die Treppe  entert. Sanft grummle ich vor mich hin und linse weiter aus der Tür – kein Postbote in Sicht. Dafür aber eine Versammlung meiner Mitmieter im Innenhof, die mich sofort erspähen und mir freundlich zuwinken. Wie. Schön.

Die nächste Nachbarin kommt herein und amüsiert sich erstmal grinsend: „Falscha Zeitpunkt, wa?“ Überlege ob ich sie dazu überreden soll den Postboten, der sich scheinbar im Vorderhaus verirrt hat, eizufangen. Jetzt gesellt sich auch noch die Familie aus dem dritten Stock hinzu – Mann, Frau und zwei Kinder, ich lächle krampfhaft vor mich hin, frage mich wie weit wohl der Saum des Morgenmantels reicht und fühle mich-… exponiert. Wie aussieht haben sie unterwegs den Postmenschen getroffen und sind jetzt gutgelaunt zu Debatten über Paketgrößen aufgelegt. Im Hintergrund kriecht zu meiner Erleichterung langsam der Paketsklave Paketbote näher – samt einer gut gefüllten Sackkarre.

Die Nachbarn tummeln sich endlich (wahrscheinlich ist mein Nixen-Aufzug für den Rest des Tages Gesprächsthema) und der Herr von der Post erscheint mit Dackelblick. Ihm ist scheinbar gerade sehr nach Kommunikation (vielleicht will er sich auch nur meinen Anblick im chinesischem Satin-Morgenmantel  und himmelblauen Handtuch länger gönnen.), er ändert ungefährt dreimal die Zusammenstellung der Pakete auf seinem elektronischen Spielzeug und berichtet mir wann diese Woche welche Nachbarn da waren und welche Paketgrößen sie wann, wo und wie erhielten. Wasser rinnt mir in den Nacken. Unterdrücke das Bedürfnis kreischend die Türe zuzuschmeißen, während der Mann freundlich vor sich hin quasselt und mir die monströsen Pakete in die Wohnung schleppt, da ich mich weigere mich in dem zum Aufklaffen neigenden Fetzen nach den Dingern zu bücken.

Dann ist es geschafft. Endlich. Bis zum nächsten Tag mit Postzustellung.

 
August 29th, 2009 Daily Gossip | 1 Comment