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Mittelaltermarkt_HellersdorfVoller Freude haben wir das Plakat vor ein paar Tagen gesichtet –  skeptisch wurden wir dann, als wir bei der Internet-Recherche die Örtlichkeit ausfindig machten. Mitten in Hellersdorf – für Nicht-Berliner: „Bahh nää, mitten in der Platte!“, wie eine gute Freundin es so hübsch zum Ausdruck brachte.

Etwas desillusioniert aber marktwillig fuhren wir dann diesen Samstag da hin. Die U-Bahn hält ja quasi direkt vor unserem Haus und fährt durch, der Eintritt war frei und bei der Monatskarte meines Mannes konnte ich umsonst mitfahren – also keine Ausgaben, die ich der Veranstaltung im Vorfeld negativ anlasten konnte.

Zwischen Neubauten und ein paar kümmerlichen Bäumen war dann der Großteil des Marktes gequetscht. Wobei „Mittelaltermarkt“ hier ein  eher euphemistischer Ausdruck ist. Eine Bühne, ein mickriger Keramikstand, ein Stand mit Schmuck (und einem netten Verkäufer), ein paar notorisch überteuerten Klamotten, Lederkrimskrams, Filzketten (?), 5 Fress- und Saufstände (Ich bin ja nun trotz Geschichtsstudium wirklich kein historisch korrekter Korinthenkacker, aber bei frittierten Kartoffel-Schnitzen und China-Pfanne zucke ich schon ein wenig zusammen.), dazwischen und auf einem freien Gelände nebenan zig Stände zum Verticken von Holzschwertern und schickem hölzernen Spielzeug wie Dolchen, Hellebarden, Schilden oder artig-brave Morgensternen. Und da glaubt ein Großteil der Gesellschaft wirklich die mediale Mär, dass unsere braven Kinderlein ja nieeeee mit Waffen spielen würden und durch die bösen modernen Videospiele total unnatürlich verdorben sind. Ja ne, is klar. Der Fall liegt hier ja auch ganz anders, weil – das Zeug ist ja aus Holz und damit automatisch pädagogisch wertvoll, ne?

Für die großen Jungs und Mädels gabs dann noch die obligatorische Schmiede mit Schwertern und anderem schicken Klingenzeugs. Mittendrin amüsierte sich der Plebs. Wie sagte mein Mann so schön: „Mittelaltermarkt! Eine hervorragende Methode um halb Hellersdorf anständig zu bewaffnen!“

Insgesamt war der Markt also eher so wie ihn sich der durchschnittliche Prolet, der sich gerne in schwarze Kunstledermäntel samt Tribal-bedrucktem T-Shirt und möglichst protzigem Drachenanhänger aus Billigmetall hüllt, vorstellt. Aber ich will nicht unfair sein. Ja, ich habe schon bessere Märkte gesehen, aber man merkte er war vom Veranstalter schon ganz liebevoll zusammengestellt. Vor allem war er günstig – ich zog jedenfalls glücklich mit einer neuen handgetöpferten Tasse (ja, ich gestehe, ich habe eine uncoole Affinität zu Keramik) und zwei Paar sehr günstigen Silber-Ohrringen (Mein arabisches Blut zwingt mich zum Feilschen, ich kann da nix für! Auch wenn mein urdeutscher Mann sich dann peinlich berührt abwendet.) von dannen. Die üppigen Apfelkrapfen à 2 Euro und das Glas Met à 2,50 Euro waren weit unter dem, was mir auf anderen Abzock-Märkten schon begegnet ist.

Auf dem Rückweg beglückte uns im übrigen ein  ca. 3 jähriges Mädel im Kinderwagen wiederholt mit Tourette-Syndrom-artigen spitzen Kreischanfällen sobald sie sich zu langweilen schien. Ich mag Kinder. Eigentlich. Aber diese Brut schrie von jetzt-auf-gleich wirklich so, als ob man ihr mal eben einen glühenden Haken in die Eingeweide gerammt hat. Die Mutter ignorierte das weitgehend und unterhielt sich weiter mit ihrem Lebensabschnittsgefährten (im schicken Ed Hardy-Replikat *uärrrgh*), tätschelte höchstens belohnend den Kopf des Kindes, das sich daraufhin kurz beruhigt, um dann im nächsten Moment der Nichtbeachtung wieder Schreie anzustimmen. Man ist als Berliner ja viel gewöhnt, aber die Tonlage war echt unglaublich und ließ den gesamten Wagon entnervt zusammenzucken. Ich glaub ich mach ne neue Kategorie auf: nervige Bälger.

Im Endeffekt war es keine vollkommen verschwendete Zeit, dennoch war ich ganz froh, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit da weg waren – sonst würden sich unsere Organe wahrscheinlich inzwischen auf dem russischen Schwarzmarkt befinden oder so.

 
August 30th, 2009 Berlin speziell, Monster - Mumien - Mutationen | 3 Comments